In manchen Situationen ist es einfach, Mitarbeitende zu gewinnen. Zum Beispiel, wenn dir jemand ein Jahresgehalt von einhunderttausend Euro verspricht, wenn du bereit bist, in deren Gemeinde als Jugendpastor:in zu arbeiten. In Hawaii. Oder stell dir vor, du hättest auf einmal ein paar Beyoncé-Tickets übrig und fragst, wer mit dir zum Konzert gehen möchte – du kannst davon ausgehen, dass diese Gelegenheit ziemlich schnell genutzt werden wird und es womöglich sogar zum Konkurrenzkampf zwischen den Freund:innen kommt, die dabei sein wollen. Diese Extrembeispiele für die Gewinnung von Mitstreiter:innen liegen am einen Ende des Spektrums.

Am anderen Ende – jedenfalls, soweit wir Jugendleiter:innen das Auffassen – befindet sich der Aufruf, sich freiwillig als Mitarbeiter:in für die Jugendarbeit zu melden. Im Morgengottesdienst vorn stehen, während Babys und lebhafte Kinder versuchen, dich zu übertönen; zwischen Mitteilungen über den Alpha-Kurs und Spendenaufrufen ... Die meisten von uns halten dieses Plädoyer in der festen Überzeugung, dass unser leidenschaftlicher und visionärer Hilferuf zu keinerlei Ergebnissen führen wird. Dazu kommt, dass wir wissen, dass während des anschließenden Gemeindekaffees alle den Blickkontakt mit uns vermeiden werden.

Diese Aufgabe war bekannterweise schon immer schwierig, doch die Coronapandemie hat den Schwierigkeitsgrad nun von »mittel« zu einer Weltklasse-Leistung erhöht. Es ist nicht nur so, dass in vielen Jugendgruppen Ehrenamtliche aus ihrem Dienst aussteigen (häufig aus gutem Grund), sondern es scheint auch eine zunehmende Zurückhaltung zu geben, überhaupt so einen Dienst zu übernehmen. Nachdem die Erfahrungen der Lockdowns viele Menschen dahin gehend geprägt haben, Dinge ruhiger anzugehen und allgemein weniger zu tun, scheint es inzwischen so, als ob bei einigen Ehrenamt und soziales Engagement auf der Prioritätenliste immer weiter nach unten gerutscht sind. Einfach ausgedrückt, fühlt es sich inzwischen wie das genaue Gegenteil davon an, sich hinzustellen und zu fragen: »Wer will kostenlose Hotdogs?«

Nach zwei Jahrzehnten in der Jugendarbeit habe ich »die Frage« schon oft gestellt. Manchmal ist es schrecklich gelaufen – ich erinnere mich daran, dass mir in einer früheren Gemeinde von einem Pastor das Wort abgeschnitten wurde und er meinen Aufruf als Mitarbeitergewinnungskampagne für etwas komplett anderes vereinnahmte. Und manchmal hat meine Frage eine Woche gespenstischer Stille hervorgerufen, in der ich mich gefragt habe, ob ich heimlich aus der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen wurde. Nichtsdestotrotz durfte ich auch mit ansehen, wie die Bitte um Mithilfe zu großartigen neuen Leuten führte hat, die sich seitdem zu unseren engagiertesten und vertrauenswürdigsten Mitarbeitenden entwickelt haben. In den folgenden sieben Punkten (denn, mal ehrlich, wer liebt denn keine Stichpunkte? Und sieben ist schließlich die Zahl der Vollkommenheit) habe ich die Erkenntnisse aus den Malen, bei denen die Mitarbeitendengewinnung funktioniert hat, herausgefiltert. Diese Punkte sind weder komplett idiotensicher, noch beinhalten sie das Bestechen von potenziellen Mitarbeiter:innen mit Beyoncé-Tickets. Doch hoffentlich inspirieren und ermutigen sie dich dazu, den gefürchteten Aufruf noch einmal zu versuchen …

1. Timing ist alles

Versuche, einen passenden Zeitpunkt für die Präsentation in der Gemeinde zu vereinbaren. Der »Giving Sunday« oder ähnliche Aktionen sind ein ganz schlechter Zeitpunkt, da jeder schon am Anschlag ist. Genauso verhält es sich auch mit Gottesdiensten, die schon einen anderen Hauptfokus haben oder bereits eine Menge von anderen wichtigen Ansagen beinhalten. Durchdenke den Kontext deiner Anfrage und versuche einen Zeitpunkt zu finden, an dem du die bestmögliche Aufmerksamkeit der größtmöglichen Gruppe von Zuhörer:innen erreichen kannst. Auch wenn es vielleicht widersinnig erscheint, könnte dieser Zeitpunkt womöglich dann sein, wenn die Kinder und Jugendlichen bereits in ihre Gruppen und Betreuungsangebote gegangen sind (soweit ihr solche habt).

2. Führe mit Vision, nicht mit Verzweiflung

Wer möchte schon an Bord eines sinkenden Schiffes gehen?

Wir Menschen reagieren viel eher auf einen visionären Aufruf zum Handeln, als auf einen Hilferuf. Es mag sein, dass die Pandemie dein Team bis zu dem Punkt geschrumpft hat, dass du keine Aktivitäten mehr durchführen kannst, aber wer möchte schon an Bord eines sinkenden Schiffes gehen? Erzähle den Leuten von deinen Hoffnungen; was du glaubst, wozu deine Gemeinde und/oder Gruppe imstande ist, wenn es darum geht, jungen Menschen Gottes große und lebensverändernde Liebe näherzubringen. Male deinem Publikum ein Bild davon, was mit ihrer Hilfe möglich sein kann – nicht ein beunruhigendes Bild eines schwindenden Traumes.

3. Gestalte es einprägsam

Merkwürdig ist Merk-Würdig.

Versuche einen Weg zu finden, der sicherstellt, dass das Gesagte im Gottesdienst hervorsticht. Das könnte etwa der Einsatz verschiedener Medien sein, eine interessante Requisite, etwas »Call-and-Response« (»Ich sag’ Jugend, ihr sagt Arbeit!«) oder vielleicht etwas Gehaltvolleres, wie etwa ein Interview mit einem Jugendlichen. Deine Aufgabe ist es, den Leuten zu helfen, sich an deine Worte zu erinnern, nachdem der eilige Abgang aus der Kirche ihren Arbeitsspeicher gelöscht hat. Ihnen etwas mitzugeben – wie ein Lesezeichen mit Gebetsanliegen für die Jugendarbeit – ist eine Möglichkeit, sie auch nach dem Gottesdienst zum Nachdenken anzuregen.

4. Keine faulen Ausreden!

Einer der Hauptgründe dafür, dass manche Leute keine ehrenamtliche Arbeit übernehmen, ist der, dass sie fälschlicherweise davon ausgehen, dass das Angebot nicht für sie gilt. Wenn sie Begriffe wie »Jugendarbeit« und »Arbeit mit jungen Menschen« hören, assoziieren sie damit womöglich direkt eine Art cooler Peter-Pan-Figur, die ihre Freizeit damit verbringt, TikToks zu filmen, und Wörter wie »smash«, »lit« und »Bratan«* benutzt. Zudem haben sie oft eine ganze Reihe von Grenzen in ihrem Kopf, die mit dem Alter, dem Lebensabschnitt und dem Kennen und Verstehen von Jugendkultur zusammenhängt. Deine Aufgabe ist es, solche Einwände zu entschärfen und das funktioniert am verlässlichsten, indem man die Dinge beim Namen nennt. Jeder Mensch kann Jugendmitarbeiter:in sein (solange keine Gefahr von ihm ausgeht) – und tatsächlich sind manchmal diejenigen Jugendmitarbeiter:innen am wenigsten geeignet, die versuchen »bei den Kids cool rüberzukommen«. Mache klar, dass alle sie selbst sein können und sollen – solange sie ein Herz und ein offenes Ohr für junge Menschen haben.

*Das tun auch die wenigsten Jugendlichen.

Foto Diana Polekhina, Unsplash.

5. Biete Optionen an

Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen – aber nicht jeder Dorfbewohner muss Zeit mit dem Kind verbringen.

Nicht jede Form von Mitarbeit ist gleich und das Anbieten einer kleinen Auswahl an Möglichkeiten spricht vielleicht auch diejenigen an, die sich ansonsten nicht angesprochen gefühlt hätten. Wenn du mehrere Gruppen zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Woche leitest, stelle sicher, dass du das klar kommunizierst, da es den zeitlichen Spielraum der Leute erhöht. Das gilt gleichermaßen, wenn du Unterstützung bei Essensvorbereitung, Fahrtätigkeiten, Aufbau, Abbau und Gebet hast. Achte darauf, dass auch diese Aufgaben beworben werden. Ich kenne nicht wenige Leute – häufig sind es Lehrer:innen – die nicht wirklich das Bedürfnis haben, noch mehr Zeit mit Jugendlichen zu verbringen, die sich aber darüber freuen, auf anderen Wegen eine Hilfe zu sein. Mache daher deine Botschaft eindeutig: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen – aber nicht jeder Dorfbewohner muss Zeit mit dem Kind verbringen.

6. Mitarbeit auf Probe

Es ist immer klug, ein anfängliches Zeitlimit für die ehrenamtliche Mitarbeit in einem Team festzulegen, und dies funktioniert in zweierlei Hinsicht. Aus der Perspektive des Freiwilligen bedeutet das, dass er/sie sich nicht direkt für alle Freitagabende in einer Rolle verpflichtet, die er/sie womöglich gar nicht mag. Aus deiner Perspektive als Leiter hast du die Chance einzuschätzen, ob der/die Freiwillige der Aufgabe gewachsen ist. Wenn es nicht passt, ist das abschließende Gespräch für beide Seiten weitaus angenehmer, wenn man sich zuvor darauf geeinigt hat, dieses Gespräch zu führen. Ich habe herausgefunden, dass Menschen sich viel lieber auf ein Ehrenamt auf Probe einlassen – und wenn sie in ihrer neuen Aufgabe aufgehen, sind sie nahezu immer bereit, sich auch längerfristig für die Aufgabe zu verpflichten.

7. Sei konkret mit deiner Anfrage

Und schließlich, was immer du auch tust, sei nicht zaghaft. Sorge dafür, dass jede:r im Publikum eine glasklare Vorstellung davon hat, was du von ihm erwartest und wie er oder sie darauf reagieren kann. Ein Aufruf, jetzt gleich nach vorn zum Altar zu kommen, wird wahrscheinlich nicht funktionieren, aber eine Person, die sich mit Namen vorgestellt hat und auf die sie nach dem Gottesdienst zukommen können, schon. Stelle zudem sicher, den Leuten eine Frist zu geben, bis zu der sie ihr Interesse bekunden können. Auch hier mag es scheinen, als würde so etwas die Leute abschrecken, aber vage Bitten, irgendwann in der Zukunft mitzuhelfen, wirken weder dringend noch wichtig genug, um darauf zu reagieren.

Es gibt natürlich noch eine Menge anderer Möglichkeiten, einen Aufruf für die freiwillige Mitarbeit zu starten – darunter das Schreiben von E-Mails und das persönliche Gespräch. Dennoch gibt es keinen besseren Ort als einen Gottesdienst, in dem du ein gefesseltes Publikum mit genau der Art von Menschen vor dir hast, die dein neu aufgebautes Team von Ehrenamtlichen verstärken könnten.

Auch wenn es eine herausfordernde Aufgabe ist, ermutigen wir dich dazu, den oben genannten Schritten zu folgen und es einfach (noch einmal) zu versuchen. Wir freuen uns natürlich auch, deine Erfolgsgeschichten, Kommentare und Fragen zu hören. Schreib uns einfach an info@jugendarbeit.org.

Dieser Artikel wurde von Martin Saunders verfasst und zuerst von Youthscape veröffentlicht. Deutsche Version von Mia Oehmig.

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