Kürzlich sass ich in einem Vortrag von Allison Ochs zum Thema TikTok, Smartphone und Co. – und wurde ziemlich überrascht. Obwohl ich schon so viele Studien gelesen und über so viele Smartphone-Regeln geschrieben habe, hörte ich drei Tipps zum ersten Mal. Mein erstes Learning des Abends: Beim Thema Smartphone kann man als Elternteil immer noch dazulernen.

Erzähl, was du am Handy tust.

Tipp 1: Sag, was du tust

Gerade Kinder unter 10 benutzen Bildschirme praktisch nur zum Spielen. Intuitiv denken sie, wir Eltern vergnügen uns ebenfalls die ganze Zeit mit dem Handy. Für sie ist es hilfreich, wenn die Eltern jedes einzelne Mal, wenn sie das Smartphone zur Hand nehmen, dem Kind laut sagen, was sie damit machen werden:
»Ich gehe in die Wetter-App, um zu schauen, welche Schuhe ich euch morgen mitgeben soll.«,
»Ich melde mich kurz bei Tante Jojo, um zu schreiben, dass wir uns verspäten.«,
»Ich schaue nach, wie das Fussballspiel gestern ausging.«
Wichtig: Doomscrolling auf Social Media für die Momente vorbehalten, wenn kein Kind in der Nähe ist.

Telefonier mal wieder.

Tipp 2: Telefonier mehr

Kinder lernen durch beobachten und kopieren. Ja, das war mir klar. Was mir nicht bewusst war: Wir Kinder haben unseren Müttern damals sehr viel beim Telefonieren zugehört und dabei viel über das Leben, zwischenmenschliches Verhalten, Schlagfertigkeit und so weiter gelernt. Wenn wir alles schriftlich oder per Sprachnachricht abklären, nehmen wir unseren Kindern eine Möglichkeit, zu lernen, wie man mit anderen kommuniziert.

Handy bleibt in Elternbesitz. Passwörter ebenso.

Tipp 3: Kein eigenes Handy

Das war der Tipp, den ich so noch nie gehört hatte – und der mich am meisten zum Nachdenken gebracht hat. Nachdem mit Gen Z eine ganze Generation praktisch ohne Smartphone-Regeln aufgewachsen ist, rudern Eltern zurück – und dieser Tipp zeigt, wie konsequent das aussehen kann: Das Handy bleibt bis 18 Jahre eine Leihgabe der Eltern. Es verursacht viel weniger Diskussionen, ein Handy bei unsachgemäßem Gebrauch oder Regelübertretung einzuziehen, wenn es nie dem Kind gehört hat.

Ebenfalls behältst du dir, wenn es nach Ochs geht, das Recht vor, Zugang zu allen Passwörtern des Kindes zu haben. Nicht verhandelbar. Warum? Aus Schutz – und um unsere Kinder in der Navigation der digitalen Welt ausreichend begleiten zu können. Das Internet ist mittlerweile ein viel dunklerer Ort geworden als noch vor 15 Jahren. Eltern können dem Kind versprechen, jeweils Bescheid zu geben, bevor sie sich irgendwo einloggen. Die am Vortrag anwesende Jugendpolizei machte deutlich klar, dass Eltern nicht nur erziehungsberechtigt, sondern auch erziehungsverpflichtet seien.

Dazu eine erstaunliche Randnotiz der Polizei: Die meisten Eltern kennen laut Umfragen in Klassenzimmern die Passwörter ihrer Kinder nicht – aber 80% der Kinder kennen die ihrer Eltern. Zudem wird die jetzige Generation ihre Kinder viel strenger erziehen, was die digitale Welt angeht. Weil sie wissen, was der Larifari ihrer ahnungslosen Eltern für einen Müll in ihr Gehirn geschwemmt hat, den sie kaum mehr loswerden. Und weil sie wissen, wie krass das Internet sie vom Lernen abgelenkt hat.

Vielleicht werfen uns unsere Kinder heute zu viel Strenge vor, aber bei zu wenig Regeln ist es sehr wahrscheinlich, dass sie uns später Nachlässigkeit und Lieblosigkeit vorwerfen.


Die folgenden vier Tipps waren mir nicht neu – aber Ochs hat sie so prägnant auf den Punkt gebracht, dass sie es verdienen, nochmals festgehalten zu werden.

Regeln so klar wie beim Fussball.

Tipp 4: Regeln wie beim Fussball

Einige wenige, klare Regeln eignen sich besser zur Orientierung als ein ständiges Tauziehen um das richtige Mass. Kinder neigen dazu, ihren übermässigen Smartphone-Konsum mit guten Gründen zu entschuldigen.

Genau wie Fussballer, die dem Schiri ihre leidenschaftlichen und haarsträubenden Geschichten zur Entschuldigung eines Fouls auftischen. Auch wenn der Schiedsrichter nicht perfekt ist: seine gelben und roten Karten sind bindend und seine Rolle im Spiel ist klar definiert.

Genauso haben Eltern die Pflicht, erzieherisch auf ihre Kinder einzuwirken und z.B. das Smartphone und den Schul-iPad für 24 Stunden zu entziehen, sollte das Kind »vergessen« haben, die Geräte abends bei den Eltern zu deponieren.

Auch können Kids dank Regeln sagen »Ich kann nicht länger. Meine Eltern haben es nach 21h verboten.« und müssen nicht zwanghaft ihren Schlaf angreifen, um im Gruppenchat nichts zu verpassen. Ziel ist:

»Danke Mama, du warst richtig nervig. Aber boah, was hätte ich alles gemacht, wenn du mir nicht Regeln gegeben hättest.«

Einige dieser Regeln könnten gemäß neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse sein:

  1. Smartphone erst ab 15 Jahren.
  2. Handy nie als Wecker! Die virtuelle Welt soll nicht das letzte sein, was man abends sieht und das erste, wenn man morgens aufwacht.
  3. Eine bestimmte Uhrzeit festlegen, zu der die gesamte Familie das Handy weglegt.

Beziehung während der Erziehung.

Tipp 5: Beziehung pflegen

Wer unsere Artikel verfolgt, weiss bereits, wie wir über Beziehungen denken. Ohne Beziehung ist unsere Erziehung wirkungslos, aber gute Beziehungen wachsen nicht auf Bäumen. Wir müssen uns investieren!

🛋️
Coachen auf der Couch. Allison Ochs erzählt von einer Freundin, die sich die Smartphone-Erziehung viel kosten liess: Um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, hat eine Mutter ihre Tochter eingeladen, jeden Abend gemeinsam eine halbe Stunde lang auf der Couch zu verbringen. In dieser Zeit durfte die Tochter auf dem mütterlichen Smartphone ihre Chats pflegen – während die Mutter dabei sass und sie hie und da im richtigen Umgang mit Chats coachte.

Nach mehreren Jahren konnte die Mutter einfach nicht mehr und wollte der Tochter ihr eigenes Smartphone geben. Die Tochter meinte ganz cool: Ach, das bräuchte sie nicht mehr, sie habe jetzt gemerkt, dass jeden Tag eine halbe Stunde vollumfänglich reiche, um ihre digitalen Kontakte zu pflegen.

Kinder müssen eng begleitet werden. Das kostet uns Eltern sehr viel Zeit und auch Geld. Du nutzt die Apple Bildschirmzeitbegrenzung und weisst schon lange, dass sie nicht so viel taugt wie andere Apps? Du nimmst dafür viele Lücken in Kauf, die dein Teenager ausnutzt? Allison Ochs sagt zu fehlenden Regeln und fehlender Unterstützung ganz trocken:

»Wir würden unsere Kinder ja auch nie alleine mit dem Zug nach Zürich schicken und sie dort im Rotlichtviertel umherirren lassen.« – Allison Ochs

Die vielen entwicklungsbedingten Regelbrüche in der Teeniezeit kosten uns Eltern Zeit und Fantasie, um unser Kind wieder auf den richtigen Weg zurückzubringen – und auch mal ein teures Dinner auswärts, um dem Nachwuchs zu zeigen, dass wir ihn in dieser turbulenten Zeit genauso lieben wie vorher.

Die Zeit, die wir in die Beziehung investieren, ist extrem wertvoll. So entsteht die Vertrauensgrundlage für das Kind, sich in heiklen Situationen an die Eltern zu wenden. Dabei liegt es wiederum an den Eltern, Gespräche immer wieder zu initiieren und bei Gelegenheit auch mal zu fragen, ob die Kinder mal was Komisches im Internet gesehen haben. Womit wir beim nächsten Tipp angelangt wären.

Nicht ausflippen wegen Internet-Müll

Tipp 6: Nicht ausflippen

Dein Kind gebraucht plötzlich so komische Wörter im Umgang mit anderen? Dein Kind hat »aus Versehen« ein Erotikabonnement getätigt und will da wieder raus? Dein Kind hat der ganzen Klasse geholfen, ein Schummelprogramm mit KI zu nutzen? Überlege dir, ob du schon mal im Leben Mist gebaut hast. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch. Gut, dass es vorbei ist und irgendwie geklärt wurde.

Wenn Eltern nicht ausflippen, sobald ihr Kind oder seine Lehrperson mit etwas Peinlichem zu ihnen kommt, ist laut Ochs die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Nachwuchs sich auch bei etwas viel Schlimmerem wieder vertrauensvoll an die Eltern wendet. Als Eltern haben wir die tolle Möglichkeit, Fehler unserer Kinder mit ihnen gemeinsam wieder auszubügeln, bevor sie vollends auf die schiefe Bahn geraten.

Aus meiner Sicht ist es auch ein schönes Bild für die Beziehung mit Gott. Was der schon alles ausgebügelt hat, damit wir als seine Kinder leben können, mann mann mann.

Zugehörigkeit fördern

Tipp 7: Zugehörigkeit fördern

Familienzeit ohne Bildschirm. Sportverein. Kochclub. Kirche. Überall, wo Kinder sich zugehörig fühlen und Teil einer Community sind, haben die süchtigmachenden Effekte des Internets weniger Macht. Deshalb gilt immer, nicht nur Regeln zu implementieren, sondern auch ein Drumherum zu fördern, das unseren Kindern von innen und aussen Halt gibt. Viel Arbeit für uns Eltern also, aber eine lohnende!


Sieben Tipps, die zusammen eigentlich eine einzige Botschaft senden:

Smartphone-Erziehung ist Beziehungsarbeit. Regeln ohne Verbindung verpuffen, Verbindung ohne Regeln lässt Kinder in ihren Entscheidungen alleine.

Beides zusammen kostet Zeit, Nerven und manchmal ein teures Abendessen – aber es lohnt sich. Was davon nimmst du mit?