Auf BookTok wird gerade ein Liebesroman gefeiert, in dem sich die Hauptfiguren 300 Seiten lang nicht berühren, Teenager kleben sich Sterne auf ihre Pickel, und Elfjährige bauen heimlich Reichweite auf WhatsApp-Kanälen auf. Aber zuerst:

Slang der Woche: »Clipped«

Wenn jemand heimlich ein schlechtes Foto von dir macht, mitten im Hamburger-Biss, mit schiefer Haltung oder eingeschlafen im Zug. Meistens liebevoll-neckend unter Freunden gemeint: »Ich hab dich gestern richtig geclippt.« In einer Welt, in der alle permanent kamerabereit posieren, ist »clipped werden« fast ein Gegen-Move. Kann aber auch zum Mobbing-Werkzeug werden … kommt also auf den Kontext an.

Drei Gespräche

1. Die Tür bleibt zu

Worum es geht: Abby Jimenez’ neuer Liebesroman The Night We Met stieg direkt in eine Top-Position auf der Spiegel Bestsellerliste ein, und das ohne eine einzige explizite Szene. In dem Buch berühren sich die beiden Hauptfiguren auf 300 von 390 Seiten kein einziges Mal, und genau das wird auf TikTok gerade als »Green Flag« gefeiert. Die BookTok-Girlies nennen es »closed-door romance«, also Liebesgeschichten, bei denen die Tür vor intimen Szenen zugeht. Emotional reich statt körperlich detailliert.

Warum es relevant ist: Nach Jahren, in denen BookTok vor allem für Serien wie ACOTAR bekannt war, in denen nichts der Fantasie überlassen wird, pendelt die Jugendkultur gerade zurück. Langsam, emotional, wartend, diese Vokabeln kommen wieder. Wichtig für Eltern: Jimenez’ Roman ist trotz geschlossener Tür klar für erwachsene Leser geschrieben. Also mit expliziten Elementen und einer »forbidden love«-Konstellation. Ein Blick auf Goodreads, vertrauenswürdige Rezensenten oder eine AI Anfrage kann Teens helfen, Bücher zu finden, die wirklich zu ihren Werten passen.

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Bring es ins Gespräch: Wenn dir eine Influencerin ein Buch empfiehlt, wie entscheidest du, ob es wirklich etwas für dich ist?

2. Pickel-Sticker sind in

Worum es geht: Pickel waren Generationen lang die peinlichste Sache am Teenager-Gesicht, jetzt werden sie dank auffälliger Sticker zum Accessoire. Anti-Pickel-Patches (eigentlich Hydrokolloid-Patches: ein Gel zieht Flüssigkeit aus dem Pickel und lässt ihn vertrocknen) kommen als bunte Sternchen, Herzen oder Pilze (designt mit Justin Bieber) daher und werden auf TikTok in Szene gesetzt.

It’s not a bug, it’s a feature: Was früher versteckt gehörte, wird jetzt hervorgehoben. In Jugendgruppen sehen wir die Sticker inzwischen auch bei Mädchen, die gar keinen Pickel darunter haben. Besonders beliebt sind schwarze Sterne ab rund 2 Euro bei Rossmann und dm. Passt zum Muster, über das wir schon bei der Zahnspange geschrieben haben: Was früher peinlich war, wird zum sichtbaren Accessoire eines Lebensabschnitts. Nicht alle finden sie toll, aber immerhin helfen sie dabei, sich nicht ständig zu kratzen.

Nächster Schritt: Wir könnten Pickel-Sticker neben Deo und anderen Hygieneprodukten als Service bei Veranstaltungen auslegen. Klein, günstig, aber ein Signal: Hier darf man unperfekt sein.

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Bring es ins Gespräch: Welchen Pickel-Patch findest du am schönsten? Und wenn du selbst einen entwerfen könntest, wie sähe er aus?

3. WhatsApp-Kinderinfluencer

Worum es geht: Kinder, die offiziell noch nicht auf TikTok oder Instagram dürfen, nutzen WhatsApp-Kanäle als heimlichen Social-Media-Ersatz, meist ohne Wissen der Eltern. Der YouTuber Jonas hat die Probe gemacht. Binnen drei Minuten Recherche fand er Elf- und Zwölfjährige mit zehntausenden Followern auf WhatsApp, die Get-Ready-With-Me-Clips und Tanzvideos posten, und unter knappen Ausschnitten reihenweise mit Kirsch- und Aubergine-Emojis bedacht werden.

Kinder finden immer einen Weg: WhatsApp gilt offiziell als Messenger, nicht als Social Media, und fällt deshalb durchs Raster der meisten Jugendschutz-Debatten. Seit 2023 kann man aber über Kanäle Follower gewinnen und diese Möglichkeit nutzen immer mehr Kinder. Die Landesanstalt für Medien NRW kommt in ihrer WhatsApp-Studie 2026 zu der beunruhigenden Erkenntnis, dass die meisten dieser Kinder-Influencer nebst dem Kanal spezielle Chatgruppen anlegen und dabei ihre Telefonnummer vielen Unbekannten zugänglich machen. Die CDU fordert auf ihrem Parteitag eine Altersgrenze von 14 Jahren für soziale Netzwerke. Aber solange nicht klar ist, ab wann sich eine App zu einem sozialen Netzwerk wandelt, werden Lücken bestehen. Und wird WhatsApp erstmal eingedämmt, kommt Spotify mit seiner neuen Chat-Funktion dran. Ein Smartphone-Verbot für U14 würde wahrscheinlich mehr bringen als ein schwammiges Social-Media-Verbot. Was bis dahin hilft, ist Aufklärung und ein konkreter Blick aufs Handy der Kinder.

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Bring es ins Gespräch: Hast du in deiner Klasse schon jemanden mit eigenem WhatsApp-Kanal? Was geht dir durch den Kopf, wenn du solche Posts siehst?

Gemeinsam für die nächste Generation,
Priscilla & Andy, in Zusammenarbeit mit dem Axis-Team


Und sonst so...

  1. Der Super Mario Galaxy Film hat am Startwochenende über 372 Millionen Dollar eingespielt, obwohl die Kritik kollektiv die Schultern zuckt. Carl Gustav Jung hätte es verstanden: Nicht die Story zieht, sondern das Wiedererkennen der Symbole. Für uns in der Osterzeit eine kleine Erinnerung: Herz, Kopf und Seele wurden gemacht, um Bedeutung durch vertraute Bilder zu erkennen.
  2. Ein weiches Knet-Spielzeug namens NeeDoh ist der neue Anti-Stress-Hit bei Pre-Teens. Überall ausverkauft, TikTok-Feeds voll mit Knet-Videos. Hmmm, ist das ein Zeichen dafür, wie hoch der Stresspegel bei 10- bis 14-Jährigen gerade ist?
  3. Olivia Rodrigo kündigt ihre erste Single aus dem neuen Album an: »drop dead« erscheint heute. Vermutlich wieder Tränen und Wut in perfekter Pop-Verpackung, und vermutlich wieder ein Soundtrack für viele Teenager im nächsten halben Jahr.
  4. RAYEs neues Album THIS MUSIC MAY CONTAIN HOPE. handelt offen davon, wie der Glaube an Gott die Sängerin aus einer dunklen Phase geholt hat. Eine der größten Pop-Stimmen Englands spricht öffentlich von geistlicher Rettung, Gesprächsstoff für die Jugendgruppe.
  5. Donald Trump hat auf Truth Social ein KI-Bild gepostet, das ihn in weißem Gewand als Jesus-artige Heilerfigur zeigt — keine Stunde nach einem wüsten verbalen Angriff auf Papst Leo XIV. Das Bemerkenswerte ist diesmal nicht der Post, sondern die Reaktion: Sogar sonst loyale evangelikale und katholische Stimmen nannten es »Blasphemie« und forderten die Löschung, die nach zwölf Stunden kam. Trump erklärte hinterher, es solle ihn »als Arzt« zeigen. Für Jugendgruppen ein seltener Anlass, zu fragen, wo christliche Symbolik aufhört und Selbstvergötterung anfängt. Oder wie das Verhältnis zwischen deiner Gemeinde und der Politik aussehen darf?

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