Statt direkt einzugreifen, sollten wir unsere Kinder ermutigen, über ihre Freundschaften nachzudenken: Was macht eine Freundschaft wertvoll oder toxisch? Wie kann man ungesunde Beziehungen erkennen und lösen?
Unser neuer Ratgeber zum Thema »Freundschaft« gibt dir die Werkzeuge an die Hand, um diese Gespräche zu führen. Lass uns unsere Kinder unterstützen, starke und positive Beziehungen aufzubauen.
»Freundschaft… Sie entsteht in dem Moment, in dem ein Mann zu einem anderen sagt: ›Was! Du auch? Ich dachte, ich wäre der einzige!‹« —C.S. Lewis in Die vier Arten der Liebe (The Four Loves)
Dieser Leitfaden soll helfen, die folgenden Fragen zu diskutieren:
- Was bedeutet Freundschaft?
- Welche Elemente prägen die Dynamik einer Freundschaft?
- Welchen Einfluss haben soziale Medien auf Freundschaften?
- Was sagt die Bibel über gesunde Freundschaften?
- Wie kann ich meinem Teenager dabei helfen, neue Freundschaften zu schließen?
Gleichgesinnte Seelen
Wer war dein erster bester Freund? Vielleicht war es das Mädchen, mit dem du immer von der Schule nach Hause gelaufen bist, oder der Junge, der sich immer mit dir auf dem Spielplatz getroffen hat. Vielleicht bist du immer noch mit dieser Person befreundet, vielleicht auch nicht. Womöglich ruft sie nur noch eine schöne Erinnerung irgendwo aus dem Hinterkopf hervor – eine Erinnerung an unschuldige Zeiten und die besondere Süße der Erkenntnis, dass du zum ersten Mal deinen Menschen gefunden hast.
In Lucy Maud Montgomerys zeitlosem Roman, Anne of Green Gables (Anne in Avonlea), freundet sich dessen Heldin – die temperamentvolle und frühreife Anne – mit Diana, einem Mädchen aus der Nachbarschaft an. Für Anne jedoch ist Diana mehr als nur eine Freundin, sie ist ihre Seelenverwandte. Dieser Ausdruck ist sehr interessant und wirft ein Licht auf die Komplexität von Freundschaft.
Die Idee von einer gleichgesinnten Seele weist auf eine Verbindung hin, die tiefer als das geht, was das Wort »Freund« oder »Freundin« impliziert. Sie spielt auf die Ebenbürtigkeit der Seelen an, eine Verbindung zwischen zwei gleichen Gedankenwelten. Die Tiefe einer solchen Freundschaft erleben die wenigsten. Diejenigen, die eine Freundschaft dieser Art bereits erleben durften, wissen, wie unerlässlich Freundschaft für unsere Menschlichkeit ist. In vielerlei Hinsicht ist Freundschaft eines der wichtigsten Dinge, die uns überhaupt zu Menschen machen.
»Heute Nacht, da träume ich, wenn ich im Bett bin
Wenn mir dumme Gedanken durch den Kopf gehen
Von Käfern und dem Alphabet
Und wenn ich morgen aufwache, wette ich
Dass du und ich wieder zusammen zur Schule gehen« —»We’re Going to Be Friends« von The White Stripes
Warum ist Freundschaft wichtig?
Einfach gesagt ist Freundschaft die Verbindung zwischen zwei Menschen. Jedoch ist das Ganze in der Praxis viel komplizierter. Die Encyclopaedia Britannica definiert Freundschaft als einen »Zustand von beständiger Zuneigung, Wertschätzung, Intimität und Vertrauen zwischen zwei Menschen«. In einem Artikel, der von der US-amerikanischen Nationalbibliothek für Medizin (NLM) und den Nationalen Gesundheitsinstituten (NIH) publiziert wurde, wird darauf hingewiesen, dass Definitionen wie diese
»...implizieren, dass Freundschaft von beiden Beteiligten als eine zweiteilige Beziehung angesehen wird und durch ein Band oder eine Bindung der gegenseitigen Zuneigung charakterisiert ist. Sie ist nicht obligatorisch, erlegt dem anderen keine formalen Pflichten oder gesetzlichen Verpflichtungen auf und ist typischerweise egalitärer Natur und fast immer durch Geselligkeit und gemeinsame Aktivitäten gekennzeichnet...«
Das ist ganz schön viel auf einmal, daher schauen wir uns das noch einmal genauer an. Freundschaft ist eine Beziehung zwischen zwei Personen, die einander wichtig sind. Niemand zwingt diese Personen in die Beziehung und es wird von keinem Mitglied etwas Bestimmtes verlangt. Beide sehen einander als gleichwertig an und sie bleiben Freunde, weil sie die Gesellschaft des anderen genießen und gerne gemeinsam Dinge unternehmen. In dem Artikel heißt es weiter, dass diese Art von Beziehungen für die Freude und das Wohlergehen des Menschen essenziell ist. Freundschaften sind Bindungen, auf denen ein Großteil unseres Lebens aufgebaut ist. Egal, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.

Warum spielt Freundschaft eine Rolle?
Freundschaften machen uns nicht nur glücklich, sondern sind auch notwendig zum Überleben. Forschungen haben ergeben, dass unsere Gesundheit ohne Freundschaften nachlässt; wohingegen diejenigen mit mehreren engen Freundschaften dazu tendieren, ein größeres Maß an Gesundheit und Freude zu empfinden. Laut dem »Journal of Epidemiology and Community Health« haben »zahlreiche Studien berichtet, dass eine enge Verbindung zu anderen Menschen, verschiedene Vorteile für die eigene Gesundheit verleiht … soziale Beziehungen bleiben eine wichtige Gesundheitsquelle bis ins hohe Alter«. Freundschaft hilft uns dabei, uns weniger alleine zu fühlen und die Gewissheit, dass eine andere Person sich um uns sorgt und uns helfen kann, reduziert drastisch unser Stresslevel, was wiederum einen positiven Effekt auf unseren Körper hat.
Nicht nur aus physiologischer Sicht spielt Freundschaft eine Rolle, denn auch unsere emotionale und mentale Entwicklung ist von ihr abhängig. Ein Artikel in »The Atlantic« spricht über die Wichtigkeit von Freundschaften in der Mittelstufe zu haben:
»Es erscheint logisch, dass sobald Eltern nicht mehr als soziale Puffer dienen, Freunde nun diese Rolle einnehmen, da sie sehr relevant im Leben von Teenagern sind. Eine Studie aus dem Jahr 2011 hat genau das bei Elf- und Zwölfjährigen nachgewiesen. Die Kinder hielten regelmäßig fest, wie sie sich selbst fühlen und ihre Erfahrungen im Laufe des Tages empfanden und wer bei ihnen war. Ihr Cortisolspiegel wurde ebenfalls gemessen. Sobald ein bester Freund/eine beste Freundin während bedeutsamen Ereignissen an ihrer Seite war, ließen negative Gefühle nach, der Cortisolspiegel sank und das Selbstwertgefühl wurde gestärkt.«
Freunde bringen Kindern bei, sich selbst wertzuschätzen, indem sie von ihren Freunden geschätzt werden. Dies erlaubt Kindern, ihre Freunde nachzuahmen und sie entwickeln positive Gefühle sich selbst gegenüber. Zudem lernt man von Freunden wichtige Lebensskills, wie zum Beispiel: Vertrauen, Kommunikation, Beständigkeit und Widerstandsfähigkeit. Sie bieten einen sicheren Raum für die Bewältigung von Konflikten und ermöglichen die ersten Möglichkeiten zur Selbsterfahrung in sozialen Situationen.
Kinder und Jugendliche können bei ihren Freunden auf eine Art und Weise sie selbst sein, wie sie es bei ihren Eltern nicht sein können.
Das erlaubt ihnen eine gesunde Entwicklung ihrer Selbstwahrnehmung und ihres Identitätsgefühls. Wenn sie erwachsen werden, schaffen Freundschaften eine Grundlage, auf welche Jugendliche ihre Überzeugungen darüber aufbauen, auf das, was wichtig und was nicht, und erhalten regelmäßig Rückmeldung zu ihrem Verhalten, ihren Wünschen und Zielen.
Es gibt einen ganz besonderen Anreiz, Freundschaften zu bilden, der alle anderen übertrifft: Einsamkeit. Einsamkeit wird sogar mithilfe des Begriffs der Freundschaft definiert; Dictionary.com beschreibt Einsamkeit als »Traurigkeit, da jemand keine Freunde oder Gesellschaft hat«. Wir Menschen sind nicht dazu gemacht, alleine zu sein. Vor der Erschaffung von Eva spricht Gott zu Adam: »Es ist nicht gut, dass der Mensch so allein ist« (1. Mose 2,18). Einsamkeit nagt an uns und ruft Gefühle der Depression, Angst und Isolation hervor. Ein Artikel, der in »Annals of Behavioral Medicine« veröffentlicht wurde, besagt:
»Als soziale Spezies ist der Mensch auf ein sicheres soziales Umfeld angewiesen, um zu überleben und zu gedeihen. Die Wahrnehmung sozialer Isolation oder Einsamkeit erhöht die Wachsamkeit gegenüber Bedrohungen und verstärkt das Gefühl der Verletzlichkeit, während sie gleichzeitig den Wunsch weckt, sich wieder zu verbinden. Implizite Wachsamkeit aufgrund sozialer Bedrohung verändert psychologische Prozesse, die die körperliche Funktion beeinflussen, die Schlafqualität verringern und Morbidität und Mortalität erhöhen.«
Das Verlangen danach, das Einsamkeitsgefühl zu vermindern, ist ein Teil unserer menschlichen Natur. Daher ist Freundschaft so ein maßgeblicher Bestandteil der menschlichen Erfahrung. Aus rein biologischer Sicht bilden Freunde unser Rudel – sie sind unser Schutz, unsere Gesellschaft, die Personen, mit denen wir gemeinsam jagen und uns versammeln. Die Newport Academy, eine jugendtherapeutische Einrichtung, geht genauer auf die wissenschaftliche und soziale Bedeutung von Freundschaft ein:
»Eine Studie benutzte Daten aus einer landesweiten repräsentativen Stichprobe von mehr als 111.000 Jugendlichen. Die Forschenden haben untersucht, ob Jugendliche, die in Freundschaftsnetzwerke integriert waren, eine bessere mentale Gesundheit aufwiesen, gemessen an einer Reihe von depressiven Symptomen. Die Ergebnisse haben deutlich gemacht, dass Jugendliche mit mehr Freunden weniger Anzeichen einer Depression hatten. Zudem erlebten diejenigen mit einem Freundschaftsnetzwerk ein Gefühl der Zugehörigkeit. Infolgedessen hatten diese Jugendlichen positivere Gefühle in Bezug auf ihre Beziehungen zu anderen Menschen in der Gesellschaft.«
Je weniger wir einsam sind, desto bessere Menschen können wir sein. Freunde bringen uns bei, wie und wer wir sein sollen. Sie prägen die Person, zu der wir werden und sie sind das Fundament, auf dem wir sowohl unser soziales Leben, als auch unsere Selbstwahrnehmung bauen.
Was macht eine Freundschaft aus?
Es gibt viele Facetten von Freundschaft, vor allem im technologischen Zeitalter, in dem Freundschaft häufig über mehr definiert wird als »die Person, mit der man am meisten Zeit verbringt«. Einige Dynamiken, die die Entwicklung von Freundschaften beeinflussen, sind Gruppen, beste Freunde, die sozialen Medien, Familie, körperliche Intimität und Romantik. Es ist wichtig, die unterschiedlichen Komponenten einer Freundschaft zu erkennen und zu verstehen, um gewährleisten zu können, dass sie alle auf gesunde Weise gehandhabt werden und sich nicht toxisch auf die Beziehung auswirken.
Welche Auswirkungen haben Freundesgruppen auf Jugendliche?
Freunden begegnet man meistens zu zweit, zu dritt oder in ganzen Gruppen. Freundesgruppen können auf der einen Seite sehr wohltuend, auf der anderen Seite aber auch sehr gefährlich sein, je nach »Gesundheitszustand« einzelner Mitglieder. In einem Artikel für The Atlantic, zieht Lydia Denworth einen Vergleich zwischen Jugendlichen Freundesgruppen und dem Experiment zweier Wissenschaftler mit Mäusen:
»Nach der Aufzucht einer Gruppe gleichaltriger Mäuse verabreichten ihnen Steinberg und Chein Alkohol. Dieser ist ein Auslöser für das Belohnungssystem im Gehirn von Mäusen, ebenso wie im menschlichen Gehirn. Die Wissenschaftler wählten zufällig aus, ob die Mäuse alleine oder in der Anwesenheit der anderen gleichaltrigen Mäuse getestet wurden. Hierbei wurde die eine Hälfte als Heranwachsende und die andere Hälfte als Erwachsene getestet. In Anwesenheit der anderen Mäuse tranken die heranwachsenden Mäuse mehr, als wenn sie alleine waren. Bei den Erwachsenen gab es keinen Unterschied in der getrunkenen Menge. ›Es gibt da etwas im Gehirn von heranwachsenden Säugetieren, das besonders empfindlich auf den Einfluss von Gleichaltrigen reagiert und in Gegenwart dieser mehr nach Belohnung strebt‹, sagt Steinberg. Anstatt ›Gruppenzwang‹ oder ›-druck‹ zu nennen, bezeichnen sie das Phänomen als ›Gruppenpräsenz‹.«
Gruppen können Jugendliche dazu animieren, Vergnügen und intensive Erfahrungen zu suchen, was meistens harmlos ist. Raufereien, Rennen, Schreien und anderes wildes Verhalten sind energiegeladene und bereichernde Aktivitäten, die bei jungen Heranwachsenden üblich sind. Bei älteren Jugendlichen können diese »belohnenden« Aktivitäten auch das Teilen von Geheimnissen, tiefgründige Gespräche, Späße machen, Lachen sowie allgemeine Albernheiten beinhalten. Diese Aktivitäten können bei den Jugendlichen die Belohnungszentren des Gehirns aktivieren, indem sie das Bindungshormon Oxytocin und das Glückshormon Endorphin freisetzten.

Allerdings besteht die Gefahr, dass eine Gruppe einzelne Jugendliche dazu anstiftet, nach immer intensiveren Belohnungserlebnissen zu suchen, beispielsweise durch Alkohol oder Drogen. Der oben angeführte Artikel von The Atlantic stellt es als sehr untypisch dar, dass Jugendliche Alkohol und Drogen zum ersten Mal alleine auszuprobieren.
Die meisten Jugenderfahrungen mit diesen Substanzen sind ein Resultat des Versuchs, eine Gruppe, in der diese Aktivitäten vorkommen, zu beeindrucken oder in sie hineinzupassen.
Jugendliche, die alleine in einen Fahrsimulator gesteckt wurden, machten im Großen und Ganzen nur halb so viele Fehler wie diejenigen, die ihre Freunde dabei hatten. Es lässt sich nicht leugnen: Die Anwesenheit von Gruppen kann das Leben für junge Menschen gefährlicher und schwieriger machen, die in ihren Überzeugungen und Handlungsweisen noch nicht gefestigt sind – was nur wenige Jugendliche von sich behaupten können.
Das bedeutet jedoch nicht, dass, nur weil dein Jugendlicher eine Freundesgruppe hat, er oder sie automatisch den Weg zum Substanzmissbrauch einschlägt. Anstatt sich über die Entscheidungen deiner Teens Sorgen zu machen, hilf ihnen, eindeutig sagen zu können, wer sie sind und welche Werte sie vertreten. Dadurch werden sie eher in der Lage sein, Drogen oder Alkohol abzulehnen, wenn sie ihnen angeboten werden. Und falls er oder sie sich mit Leuten abgibt, die solche Sachen anbieten, frage lieber nach, ob das die Menschen sind, mit denen diese junge Person Zeit verbringen möchte. Manchmal brauchen Jugendliche nur einen Ausweg. Und außerdem sorgen harmlose, lustige Gemeinschaftserlebnisse für mehr und bessere Belohnungs-Neurotransmitter als irgendwelche Substanzen es tun; denn die Kombination mit Oxytocin und anderen Bindungshormonen ist besser als pures Dopamin.
Was ist mit »besten Freunden«?
Es geschieht eher selten, dass jemand durchs Leben geht, ohne zumindest für einen gewissen Zeitraum einen besten Freund/eine beste Freundin zu finden. Obwohl beste Freunde kommen und gehen, erinnert uns ihre Präsenz daran, dass wir einzigartig liebenswert sind. Manche dieser Freunde bleiben über Jahre, manche für ein ganzes Leben und werden genauso wichtig für die Identität und das Selbstgefühl, wie der Partner oder die eigenen Kinder. Laut einer Studie von Pew Research geben 98% aller Jugendlichen an, einen besten Freund/eine beste Freundin zu haben und lediglich 2% behaupten, niemanden zu haben, den sie als engen Freund/enge Freundin bezeichnen würden.
