Mein erster Berührungspunkt mit der Familiensystemtheorie kam, als ich Mitte 20 an einem Burn-out erkrankte. Dies geschah in Verbindung mit einem heftigen Konflikt innerhalb eines Teams, mit dem ich zu diesem Zeitpunkt zusammenarbeitete. Die Symptome äußerten sich in Form von lang anhaltenden und häufigen Panikattacken. Meine erste Panikattacke ereignete sich im Leipziger Bahnhof, etwa 650km von meinem Zuhause entfernt. (Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich niemandem empfehle, sich in einer solchen Situation wiederzufinden. Einer der Gründe, warum ich mich für diese Frage interessiere, liegt darin, dass ich anderen Jugendmitarbeitern Werkzeuge für ihre Selbstfürsorge an die Hand geben möchte.)

Rückkehr in die Kindheit

Was also ist die Familiensystemtheorie? Diese Theorie beschreibt grundlegend die Beziehungen zwischen Menschen in einem emotional verknüpften System, sei es in einer Familie, Gemeinde, Jugendgruppe oder einem Büro. Zudem zeigt sie, wie wir alle innerhalb dieser emotionalen Systeme funktionieren, indem wir Verhaltensmuster nutzen, die wir bereits in unserer frühen Kindheit erlernt haben. Jeder von uns hat eine Standardreaktion auf die Mitglieder der emotionalen Gruppen entwickelt, in denen wir uns befinden.

Zudem zeigt sie, wie wir alle innerhalb dieser emotionalen Systeme funktionieren, indem wir Verhaltensmuster nutzen, die wir bereits in unserer frühen Kindheit erlernt haben. Foto unsplash+

Um dies zu veranschaulichen, nehmen wir an, dass du in einer Umgebung aufgewachsen bist, in der du mit emotionaler Wertschätzung belohnt wurdest, sobald du etwas Intelligentes gesagt hast. Als Kind hast du somit unterbewusst gelernt, »Wenn ich recht habe, folgen Aufmerksamkeit, Sicherheit und Belohnung«. Die Familiensystemtheorie besagt, dass du im Erwachsenenalter genauso reagierst. Okay, vielleicht verstecken wir es etwas besser hinter einer Fassade von Kompetenz und indem wir längere Wörter benutzen, aber das Grundmuster ist festgelegt.

Im normalen Leben ist das in Ordnung, denn es handelt sich um einen natürlichen Prozess, der Gemeinschaften darin unterstützt, sich miteinander zu verbinden und zusammenzuarbeiten. Wenn du jedoch Teil eines nomadischen Stammes bist, der versucht zu jagen und dabei nicht von Löwen gefressen zu werden, dann spielen diese Muster eine lebensrettende Rolle, die der Gruppe erlauben, nach ihren Instinkten zu handeln. Wenn alles ruhig ist und keine Löwen am Horizont zu sehen sind, sind die meisten Erwachsenen dazu in der Lage, in einer Weise zu handeln, die über ihre angelernten Kindheitsmuster hinausgeht.

Ein Problem tritt jedoch auf, sobald die emotionale Temperatur in einem emotionalen System anfängt zu steigen. Foto von Sander Sammy

Ein Problem tritt jedoch auf, sobald die emotionale Temperatur in einem emotionalen System anfängt zu steigen. Zum Beispiel, wenn eine globale Pandemie ausbricht und alle mit fast leerem Tank fahren. Oder wenn Gemeindeleiter Druck auf Jugendliche ausüben, damit diese nach Corona zurück in ihre Jugendgruppen gehen und der Jugendleiter spürt, dass sein Gehalt davon abhängt. Oder wenn ein Team sich uneinig darüber ist, wie es bei einem bestimmten Vorschlag am besten vorgehen soll. In diesen Situationen kann die emotionale Temperatur überkochen und zerstörerisch wirken – die Familiensystemtheorie nennt diesen Vorgang »chronische Angst«. Hierbei handelt es sich um eine Art ängstlicher Energie in einer Gruppe, die uns dazu bringt, zu den Funktionsweisen aus unserer Kindheit zurückzukehren.

«Vielleicht müssen wir intelligente Antworten parat haben (weil wir genau dafür in unserer Kindheit belohnt wurden). Daher antworten wir instinktiv mit einer schlauen theologischen Aussage, die den ganzen Schmerz in einem ordentlichen Gottesknoten zusammenbindet, auch wenn der Jugendliche eigentlich Stille gebraucht hätte.«

Diese Art von Angst ist ansteckend in einer Gruppe. Warst du schon einmal in einer Situation, in der die Wut, Besorgnis oder Angst einer einzelnen Person die ganze Gruppe beeinflusst hat und es zu einer Entscheidung gekommen ist, die diese Person beruhigt hat? Chronische Angst ist eine Möglichkeit dafür, diesen Vorgang zu benennen. Oder hast du jemals verbal um dich geschlagen, dich aus einem schwierigen Gespräch zurückgezogen oder bist du auf Kompromisse eingegangen, die du normalerweise niemals machen würdest? Ganz genau – chronische Angst bedeutet, dass du zu den erlernten Verhaltensweisen aus deiner Kindheit zurückkehrst, um in dieser Welt zu funktionieren.

Chronische Angst bedeutet, dass du zu den erlernten Verhaltensweisen aus deiner Kindheit zurückkehrst, um in dieser Welt zu funktionieren. Foto Sam McNamara
Die Familiensystemtheorie ermöglicht dir, Raum für deine Selbstreflexion zu gewinnen. Ich kann aus dem emotionalen Fluss einer Situation aussteigen und herausfinden, was mich in diesem Moment antreibt. Warum verhalte ich mich so, wie ich mich verhalte?

Die Familiensystemtheorie hat mir vor einigen Jahren dabei geholfen zu verstehen, dass ich in meiner Kindheit eine Abneigung gegenüber Konflikten entwickelt habe. Ich neigte dazu, mich aus solchen Situationen zurückzuziehen und mich selbst auf ungesunde Weise zu beruhigen. Stattdessen hätte ich versuchen sollen, meine eigene Meinung und meine Wertvorstellungen zu vertreten und durch den Konflikt hindurchzugehen, um Möglichkeiten auf der anderen Seite zu erkennen. Dieses Verständnis hat mir geholfen, meine Position in Konfliktsituationen am Arbeitsplatz zu überdenken. Zudem hat mir die Theorie auch gezeigt, dass ich in Stresssituationen dazu neige, mehr Verantwortung für ein Problem zu übernehmen, als ich sollte. Dies wird in der Familiensystemtheorie als »Überfunktionieren« bezeichnet. In diesen Situationen habe ich oft viel Energie darauf verwendet, um das Problem zu lösen.

Sei präsent für Jugendliche

Tatsächlich kann uns die Familiensystemtheorie helfen zu verstehen, warum es so schwer ist, einfach nur präsent zu sein und jungen Menschen sowie einander zu dienen.

Wenn wir einen Gang runterschalten und für unsere Jugendlichen präsent sind – wenn wir in ihre Welten eintauchen, dann setzten wir uns allen möglichen Formen von chronischer Angst aus.

Einerseits könnten wir mit Konflikten in einer Gruppe von Freunden konfrontiert werden oder Missverständnissen, die aufgrund von unterschiedlichen Erwartungen entstanden sind. Gleichzeitig müssen wir uns vielleicht mit den Gefühlen eines Jugendlichen auseinandersetzen, der gerade die Trennung seiner Eltern erlebt oder mit der Diagnose einer chronischen Krankheit kämpft. Oder wir müssen mit den Qualen umgehen, die der Selbstmord eines Freundes in uns auslöst. Wir nehmen Anteil an ihrem Schmerz – und finden uns im Griff der chronischen Angst in dem Raum zwischen uns wieder.

Foto Allef Vinicius

Wenn wir jedoch nicht aufmerksam sind, fallen wir leicht in alte Verhaltensmuster aus unserer Kindheit zurück. Vielleicht brauchen wir das Gefühl, immer Recht zu haben und alle Antworten zu wissen (weil wir dafür als Kind belohnt wurden). Deshalb neigen wir dazu, instinktiv mit einer schlauen theologischen Aussage zu antworten, die den ganzen Schmerz in einem ordentlichen Gottesknoten zusammenfasst, obwohl der Jugendliche eigentlich nur Stille und Zuwendung benötigt hätte. Vielleicht brauchten wir als Kind Menschen, die uns mochten und deshalb geben wir unser Bestes, um die junge Person aufzuheitern und zum Lachen zu bringen. Vielleicht mussten wir erfolgreich sein, also arbeiten wir an einer Lösung. Oder es handelt sich um etwas ganz Anderes. Was es auch immer sein mag:

Jede Form unserer instinktiven Reaktion hindert uns daran, einfach nur bei der Person zu »Sein« und führt uns zurück zum «Tun» – dem Versuch zu reparieren, zu verbessern und zu lösen.

Und wieder füllen wir die Gottlücke mit uns selbst, weil wir nicht einfach in Stille verharren und darauf vertrauen können, dass Gott diese Lücke füllen wird.

Was treibt uns an?

Was ist es, das uns antreibt? Ich kehre immer wieder zurück zu dieser Frage, weil ich denke, dass diese Frage des Rätsels Lösung sein kann. Zudem bin ich der Meinung, dass es weitaus einfacher ist, einen Burn-out zu verhindern, als sich von diesem zu erholen. Lass dir das von jemandem sagen, der es selbst erlebt hat. Also gut, wir müssen uns diese Frage stellen: Was treibt mich wirklich an? Sich in die Familiensystemtheorie einzulesen und gesunde Selbstreflexion zu lernen, könnte ein möglicher Weg sein, das herauszufinden.

»Um wirklich präsent zu sein und jemandem dienen zu können, besteht darin, mich selbst zu fragen: Was treibt mich an?«

Wie reagiere ich in Stresssituationen, oder wenn ich mit chronischer Angst konfrontiert werde? Wie gehe ich mit dem rauen Schmerz einer Person um? Was macht das mit mir? Ich muss mich selbst kennenlernen, um herauszufinden was mich antreibt.

  • Warum hatte ich das Bedürfnis, mit einer raschen Antwort in die Situation zu stürzen, anstatt den Schmerz auszuhalten?
  • Warum hatte ich nach der Pandemie stets das Gefühl, ich müsse abliefern und abliefern und abliefern?
  • Warum bin ich in dieser einen Bibelarbeit direkt mit der «sicheren» Antwort eingesprungen, und habe meinen Jugendlichen dadurch die Möglichkeit genommen, mit dieser Frage zu kämpfen?
  • Warum habe ich die Worte »aber natürlich weißt du ja, was das Beste ist«, an ein Gebet um die Bitte nach Heilung angefügt?
  • Warum versuche ich, das Problem des jungen Menschen zu lösen, anstatt seinen Schmerz zu hören und ihn in die Gegenwart Gottes zu bringen?
Warum versuche ich, das Problem des jungen Menschen zu lösen, anstatt seinen Schmerz zu hören und ihn in die Gegenwart Gottes zu bringen? Foto von Ben White

Um zu lernen, anderen zu dienen, präsent zu sein und einen Gang herunterzuschalten, muss ich zunächst einmal darauf achten, was in mir vorgeht. Dieses Innehalten ermöglicht mir, es klar zu benennen. Im nächsten Schritt kann ich mich aktiv dazu entscheiden, über meine instinktiven Verhaltensmuster hinauszugehen. Ich kann es wagen, daran zu glauben, dass Gott tatsächlich auftauchen könnte und dass ich nicht dafür zuständig bin, sein Handeln und Wirken mit meinen Worten oder meinem unterhaltsamen Verhalten zu füllen.

Meine großartige Freundin Holly hat mich im Kontext eines Interviews einmal gefragt: «Falls du Recht hast und wir lernen können, unsere ängstlichen Seelen zu beruhigen und im Moment präsent zu sein: Was würde sich verändern?» Ich habe ihr geantwortet, dass es so sei, als würde man in ein Casino laufen und sein ganzes Erspartes auf Nummer 17 setzen (oder was man auch immer in einem Casino macht – ich bin als Baptist aufgewachsen). Es besteht das hohe Risiko, dass man alles verliert. Gott könnte in der Tat nicht auftauchen.

Wir müssen uns der Leere stellen, um unsere Ängste zu hören. Dadurch können wir erkennen, wie unser eigenes Verhalten von dieser chronischen Angst angetrieben wird. – David Bunce, britischer Pastor in Österreich

Und letztendlich müssen wir trotzdem alles drauf setzen.

Und vielleicht, nur ganz vielleicht, entdecken wir dabei diesen Gott, der »die Toten zum Leben erweckt und ins Dasein ruft, was vorher nicht war« (Römer 4,17) und er taucht tatsächlich auf. Und er bringt Hoffnung in hoffnungslose Situationen und begegnet Jugendlichen auf unvergessliche Weise. Und er zeigt uns, dass unsere Schwäche in Wirklichkeit die Quelle seiner Stärke ist und er verwandelt die zerbrochenen Scherben unseres Lebens in ein wunderschönes Mosaik.

Mehr Lesematerial zu der Familiensystemtheorie

  • Pete Scazzero, Emotional gesund leiten: Was Sie stark macht für Gemeinde und Beruf (2020)
  • Steve Cuss, Managing Leadership Anxiety, Yours and Theirs (2019)
  • Ronald Richardson, Creating a Healthier Church (2016)
  • Peter Steinke, Congregational Leadership in Anxious Times (2016)
Dieser Artikel wurde von David Bunce verfasst und zuerst von Youthscape veröffentlicht. Deutsche Version von _Mia Oehmig.

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