Die Erziehung eines Teenagers, der Schwierigkeiten hat, seine Gefühle zu verstehen und mitzuteilen, oder der zu heftigen Gefühlsausbrüchen neigt, kann eine Herausforderung für die ganze Familie darstellen. Glücklicherweise gibt es Möglichkeiten, die emotionale Intelligenz des Kindes zu stärken, um Empathie und Selbstkontrolle zu fördern.

Aber was genau ist emotionale Intelligenz (EI) und warum ist sie so wichtig?

Emotionale Intelligenz ist die Fähigkeit, die eigenen Gefühle und die anderer Menschen zu verstehen und im Alltag konstruktiv zu nutzen.

Während der Intelligenzquotient (IQ) Auskunft darüber gibt, wie gut man in Tests abschneidet, zeigt der Emotionale Quotient (EQ), wie gut man in sozialen Situationen zurechtkommt. Emotionale Intelligenz ist der Schlüssel, um bestehende Beziehungen aufrechtzuerhalten und neue aufzubauen.

Emotionale Intelligenz ist der Schlüssel, um bestehende Beziehungen aufrechtzuerhalten und neue aufzubauen. Foto 🇸🇮 Janko Ferlič

Vielleicht denkst du, dass dein IQ bestimmt, wie intelligent du bist. Ja, dein IQ kann vorhersagen, wie gut du in der Schule sein wirst. Natürlich ist es wichtig, aus Büchern zu lernen, aber genauso wichtig ist es, emotional intelligent zu sein. Gute schulische Leistungen und das Lesen anspruchsvoller Bücher können dir im Unterricht helfen, aber die Fähigkeit, gut mit anderen Menschen umzugehen, ist der Schlüssel zum Erfolg in persönlichen Beziehungen und im Beruf. Studien zeigen, dass Menschen mit einem hohen EQ eher eingestellt, befördert und besser bezahlt werden.

Das könnte das Interesse deines Teenagers wecken.

Wenn du deinem Kind in jungen Jahren dabei hilfst, seine emotionale Intelligenz zu entwickeln, kann es lernen, seine Gefühle zu erkennen und effektiv zu nutzen, um sich als Erwachsener zurechtzufinden.

In Anlehnung an die Arbeit des Psychologen Daniel Goldman stellen wir im Folgenden vier zentrale Aspekte der emotionalen Intelligenz vor und zeigen, wie du sie bei deinem Teenager fördern kannst.

#1 Selbsterkenntnis

Selbsterkenntnis bedeutet, sich der eigenen Stärken und Schwächen bewusst zu sein und zu verstehen, wie das eigene Verhalten auf andere wirkt.

Wenn du deinem Teenager hilfst, diese Selbstwahrnehmung zu entwickeln, wird er davon jetzt und in seinem späteren Leben profitieren. Selbstbewusstsein hilft deinem Teenager, Fehler zu erkennen und zu korrigieren und stärkt seine Widerstandskraft.

Weitere Vorteile der Selbstwahrnehmung sind

  • Verbesserte Zuhör- und Kommunikationsfähigkeiten im Allgemeinen
  • die Fähigkeit, kritisch zu denken und Probleme zu lösen
  • Eine wachstumsorientierte Einstellung
  • Verbesserte Führungsqualitäten
Wenn man zum Beispiel in der Lage ist, seine eigenen Gefühle der Traurigkeit zu erkennen, ist man auch eher in der Lage, die Traurigkeit anderer wahrzunehmen. Foto cottonbro studio

Emotionale Selbsterkenntnis hilft dem Jugendlichen, mit seinen Gefühlen umzugehen und die Gefühle anderer zu erkennen. Dies ist eine wichtige Fähigkeit, wenn es darum geht, sinnvolle Beziehungen aufzubauen. Wenn man zum Beispiel in der Lage ist, seine eigenen Gefühle der Traurigkeit zu erkennen, ist man auch eher in der Lage, die Traurigkeit anderer wahrzunehmen. Wenn dein Teenager die Gefühle anderer erkennen kann, wird er sich eher an dich wenden, um Trost zu finden.

Erkläre deinem Teenager, dass sich Gefühle zwar GROSS anfühlen können, aber nicht alle Gefühle gleich sind. Ein Gefühl kann nur kurz auftauchen, während ein anderes lange genug anhält, um zu wissen, ob man glücklich oder traurig ist. Unabhängig von der Dauer eines Gefühls ist es wichtig, den Jugendlichen daran zu erinnern, dass das Erkennen eines Gefühls der erste Schritt zur emotionalen Intelligenz ist.

#2 Selbstbeherrschung

Emotionen sind komplex und oft flüchtig. Im Laufe eines Tages erleben wir ständig kleine emotionale Höhen und Tiefen. Es ist gesund, diese Gefühle zu zeigen. Aber es ist auch wichtig zu wissen, wie man mit diesen Gefühlen umgeht, damit sie nicht die Kontrolle übernehmen.

Wir können nicht kontrollieren, welche Emotionen wann auftreten, aber wir können lernen, wie wir damit umgehen.

Emotionale Intelligenz hilft uns zu lernen, unsere Gefühle so zu kontrollieren, dass wir verletzendes oder unangemessenes Verhalten vermeiden. Stell dir vor, du bist mit deiner Familie zum Abendessen bei einem Verwandten eingeladen, mit dem du dich nicht gut verstehst. Wenn dieser Verwandte anfängt, dich zu kritisieren, könntest du leicht vor Wut explodieren.

Wenn dieser Verwandte anfängt, dich zu kritisieren, könntest du leicht vor Wut explodieren. Selbstbeherrschung bedeutet jedoch zu lernen, durch die eigenen Gefühle hindurch zu atmen. In der Öffentlichkeit wäre es unklug, diesen Verwandten anzuschreien. Foto unsplash+

Selbstbeherrschung bedeutet jedoch zu lernen, durch die eigenen Gefühle hindurch zu atmen. In der Öffentlichkeit wäre es unklug, diesen Verwandten anzuschreien. Du bist mit deinen Kindern zusammen und willst sie nicht in Verlegenheit bringen oder aufregen. In dieser Situation ist es wahrscheinlich am besten, um einen Themenwechsel zu bitten oder gar nicht zu reagieren.

Wenn es darum geht, deinem Teenager Selbstbeherrschung beizubringen, ist es am besten, selbst ein gutes Vorbild zu sein. Hier sind einige Möglichkeiten:

  • Wenn du das Gefühl hast, dass deine Gefühle außer Kontrolle geraten oder du von einem starken Gefühl wie Wut überwältigt wirst, mach eine Pause und atme tief durch, um dich zu beruhigen. Sprich dann mit einem guten Freund über deine Gefühle und erzähle deinem Teenager, wie dir das geholfen hat, dich zu beruhigen.
  • Wenn du herausfindest, dass dein Kind etwas getan hat, was du ihm ausdrücklich verboten hast, nimm dir Zeit, um darüber nachzudenken und zu entscheiden, wie du darauf reagieren willst. Wenn so etwas zu Hause passiert, sage ich oft: »Ich bin gerade sehr frustriert, lass uns später darüber reden, wenn ich mich beruhigt habe.«
  • Zeig deinem Teenager immer wieder, wie du dich nach einem anstrengenden Arbeitstag oder einer anstrengenden Woche entspannst, sei es durch Tagebuchschreiben, Musik hören oder einen zehnminütigen Spaziergang in der Nachbarschaft.

#3 Empathie und Verständnis

Ein weiteres Element emotionaler Intelligenz ist die Fähigkeit zu erkennen, wie sich jemand in einer bestimmten Situation fühlt und warum. Wenn du zum Beispiel deiner Freundin einen Snack anbietest und sie ihn prompt ablehnt, solltest du an ihrem abweisenden Gesichtsausdruck und ihrer Körpersprache erkennen, dass du sie nicht weiter bedrängen solltest.

Dieses Einfühlungsvermögen in die Gefühle anderer und die Berücksichtigung ihrer Sichtweise nennt man Empathie.

Empathie hilft uns zu verstehen, was wir zu jemandem sagen sollen, der gerade starke Gefühle zeigt, oder wie wir uns ihm gegenüber verhalten sollen.

Empathie trägt auch dazu bei, ein Bewusstsein für Unterschiede zu entwickeln und diese Unterschiede wertzuschätzen.

In unserer vielfältigen Welt können empathische junge Menschen zu emotional intelligenten Führungskräften heranwachsen, die in der Lage sind, kulturell und generationell vielfältige Teams mit einzigartigen Erfahrungen und Perspektiven zu leiten. Empathie ist ein zentrales Werkzeug, um die unterschiedlichen Stärken in einem Team zu erkennen und für kreative Problemlösungen zu nutzen.

Empathie ist ein zentrales Werkzeug, um die unterschiedlichen Stärken in einem Team zu erkennen und für kreative Problemlösungen zu nutzen. Foto unsplash+

Durch das Entwickeln von Empathie können Jugendliche sich selbst und andere besser verstehen und tiefere Beziehungen aufbauen.

#4 Beziehungsmanagement

Machen wir uns nichts vor: Menschen werden uns hin und wieder verärgern oder enttäuschen. Das gilt auch für Menschen, die wir mögen oder lieben. Emotionale Intelligenz ist eine Fähigkeit, die dein Teenager in jeder sozialen Situation anwenden kann. Emotionen zu erkennen, zu verstehen und zu nutzen, macht einen entscheidenden Unterschied im Umgang mit anderen.

Folge deinem Instinkt, wenn du das Gefühl hast, dass das, was du sagen möchtest, in dem Moment nicht angebracht ist. Wenn ein Freund oder ein geliebter Mensch leidet, solltest du in der Lage sein, ihm Trost und Liebe zu geben. Mit dem Erwachsenwerden wird es deinem Teenager leichter fallen, nicht nur seine eigenen Gefühle, sondern auch die seiner Mitmenschen zu verstehen.

Wenn er sieht, dass sein Freund traurig ist, ist das nicht der richtige Zeitpunkt, um mit seinem guten Tag zu prahlen. Wie die Jugendlichen, die ich berate, oft sagen: »Nimm die Stimmung wahr!« Foto unsplash+

Bring deinem Teenager bei, wann es am besten ist, etwas anzusprechen, das für die andere Person schwer zu hören sein könnte, und auch, wo und wie. Wenn er sieht, dass sein Freund traurig ist, ist das nicht der richtige Zeitpunkt, um mit seinem guten Tag zu prahlen. Wie die Jugendlichen, die ich berate, oft sagen: »Nimm die Stimmung wahr!« Stattdessen ist es besser, wenn der Jugendliche die Person freundlich anspricht und ihr sagt, dass er für ein Gespräch zur Verfügung steht.

Konflikte gehören zum Leben. Eine nützliche Kommunikationsstrategie, die du deinem Teenager beibringen kannst, ist die Verwendung von »Ich«-Aussagen. Wenn wir wütend sind oder uns verletzt fühlen, kommen uns »Du«-Aussagen schnell und natürlich über die Lippen. Allerdings implizieren »Du«-Aussagen, dass die andere Person allein für unsere Gefühle verantwortlich ist. Sie können auch eine Abwehrhaltung hervorrufen. »Ich«-Aussagen hingegen ermöglichen es einer Person, Verantwortung für die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu übernehmen.

Diese Art von Aussagen setzt ein gewisses Verständnis für die eigenen Bedürfnisse voraus (wie wir im Abschnitt über Selbsterkenntnis gesehen haben) und helfen dabei, eine Bitte zu formulieren.

Du kannst deinem Jugendlichen dieses Werkzeug beibringen, indem du den folgenden Satzbaustein verwendest: 

»Ich fühle mich ___________ (nenne das Gefühl), wenn ___________ (nenne) die Ursache des Gefühls)«.

Zum Beispiel: »Ich fühle mich frustriert, wenn du sagst, du wirst etwas tun, und dann kommt immer etwas dazwischen«.

Wenn du den Grund für das schlechte Gefühl herausfindest, wird dein Teenager eine bessere Vorstellung davon bekommen, was er oder sie tun kann, um das Problem zu lösen oder sich besser zu fühlen.

Füge dann die Bitte hinzu, indem du genau sagst, was getan werden soll:

»Ich brauche/will/bevorzuge __________.  Würdest du _________?«

Zum Beispiel: »Ich würde es bevorzugen, wenn du mich im Voraus informieren könntest, wenn etwas dazwischen kommt, damit ich nicht warten und mich fragen muss, ob du kommst. Würdest du das tun?«

Auch wenn es keine Garantie dafür gibt, dass die andere Person immer positiv reagiert oder sich bemüht, deiner Bitte nachzukommen, erhöht die Verwendung dieses Werkzeugs die Wahrscheinlichkeit, dass deine Gedanken und Gefühle gehört werden.

ℹ️
Ein kleiner Hinweis zur Vorsicht: Dieses Werkzeug ist besonders in vertrauensvollen Beziehungen nützlich. Es ist nicht immer geeignet, wenn es eine starke Machtdynamik gibt, z.B. wenn dein Teenager mit seinem Vorgesetzten kommuniziert, oder wenn die andere Person unsicher oder unsensibel ist.
Dieser Artikel wurde von Dr. Chinwé Williams verfasst und zuerst von Parent Cue veröffentlicht. Deutsche Version von Olivia Felber.

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