3 Führungsstile im Vergleich: Küchen und Eistee-Momente

In einem Modul in der Erlebnispädagogik beschäftigten wir uns mit den verschiedenen Leitungsstilen. Als ich in der Selbstreflexion darüber nachdachte, kamen mir meine Küchen-Momente bzw. Eistee-Momente in den Sinn. Was es damit auf sich hat, das will ich dir gleich erklären:

#1 Was ist ein Eistee-Moment?

Normalerweise ist ein Eistee etwas Erfrischendes. Eine tolle Sache an heißen Sommertagen. Aufgebrüht, abgekühlt und noch mit einem Zitronenstück dekoriert, dazu Eiswürfel. Perfekt.

Doch um einen solchen Moment geht es dabei leider nicht. Die Eistee-Momente wurden mir von meiner Lehrerin in der Kochschule beschert. Während wir kochten, meinte sie zu mir:

»Du René kannst ja mal den Eistee machen.«

Ich muss dazu sagen: Ich war eher ein stiller und langsamer Schüler und indem mich meine Lehrerin mich zum Herstellen des Eistees aufforderte, hatte sie mich für eine Weile beschäftigt und konnte sich um die anderen Schüler kümmern. Dieses Prozedere wiederholte sich von Mal zu Mal. Es blieb also nicht bei diesem einen mal. Es gab Dutzende dieser Eistee-Momente in meiner Kochschul-Karriere.

#2 Was ist ein Küchen-Moment?

Und nun stell dir einmal eine ganz andere Situation vor. Die Lehrerin kommt in die Küche und sagt:

Heute gehört die Küche und alles was darin ist euch. Kocht das, worauf ihr Lust habt. Um 12 Uhr wollen wir gemeinsam essen.

Das wäre der ultimative Küchen-Moment. Es wird einzig ein Rahmen definiert: Die Küche. Ein Auftrag erteilt: Kocht das, worauf ihr Lust habt. Und ein Ziel vorgegeben: Um 12 Uhr wollen wir gemeinsam essen.

Nun fragst du dich vielleicht: Ist das nicht etwas extrem? Ja, klar und sicherlich ist eine solche Herangehensweise nicht für jede Altersstufe geeignet. Zwischen einem Eistee-Moment und der extremen Form des Küchen-Moments gibt es noch ein paar Zwischenstufen. Ich hätte mir jedoch solche Küchen-Momente gewünscht.

Leitungsstile und was sie bewirken sollten …

Aus meinen Eistee-Momenten im Zusammenspiel mit meiner pädagogischen Ausbildung konnte ich einiges über Leitungsstile lernen. Wie geleitet wird, kann einen großen Einfluss auf Kinder und Jugendliche haben. Ich will da jetzt meiner Lehrerin keinen Vorwurf machen. Sie setzte sich vermutlich selbst viel zu sehr unter Druck. Sie wollte zur rechten Zeit fertig sein und das Essen musste nach ihren Wunschvorstellungen gekocht und angerichtet werden. Und da stand ich als langsamer Schüler zwangsläufig diesem Ziel im Weg. Heute kann ich das so sehen. Doch jahrelang hatte sich bei mir eingeprägt, dass ich nicht kochen könne. Ihr Leitungsstil hat bei mir dazu geführt, dass ich keine Freude am Kochen finden konnte. Ich wollte aus diesem erlebten lernen und es in meiner Arbeit mit Jugendlichen anders machen.

Doch welche Leitungsstile gibt es überhaupt und was sind deren Vor- und Nachteile? Heutzutage sprechen wir von drei verschiedenen Leitungs- oder Führungsstilen:

  • Autoritärer, oder hierarchischer Leitungsstil
  • Kooperativer, oder demokratischer Leitungsstil
  • Laissez-faire

Der autoritäre oder hierarchische Leitungsstil

In diesem Leitungsstil befand sich meine Lehrerin in der Kochschule. Sie machte die Vorgaben. Sie entschied, was es zu essen gab und bezog niemanden in die Entscheidungen ein. Sie erteilte die Anweisungen und wir führten sie aus. Ich machte den Eistee, wie sie es sagte. 1:1 nach Rezept.

Vorteile:

  • Klare Strukturen
  • Aufgaben und Tätigkeitsbereiche sind klar geregelt

Nachteile:

  • Das Verhältnis zwischen Leitungsperson und den übrigen Beteiligten ist eher distanziert
  • Wenig oder gar kein Handlungsspielraum für die Beteiligten
  • Es kann zu Unmut bei den Beteiligten führen

Der kooperative oder demokratische Leitungsstil

Beim kooperativen oder demokratischen Leitungsstil geht es darum, dass Leitungspersonen zusammen mit den übrigen Beteiligten Entscheidungen fällen. Zusammen werden auch die Ziele definiert. In diesem Leitungsstil werden Fremdkontrollen zu einem großen Teil durch Eigenkontrollen ersetzt.

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Vorteile:

  • Die Motivation und Zufriedenheit steigt, wenn die Beteiligten in die Entscheidungen einbezogen werden
  • Dieser Leitungsstil fördert das selbstständige Denken und Handeln
  • Individuelle Forderung und Förderung ist beim kooperativen Leitungsstil einfacher

Nachteile:

  • Entscheidungen zu treffen können langatmig und kompliziert sein
  • Dadurch, dass ein Teil der Führung aus der Hand gegeben und dadurch vernachlässigt wird, kann die Autorität und Glaubwürdigkeit der Leitungsperson vermindert oder verloren gehen
  • Wenn es zu verfrühten Abstimmungen kommt, kann es vorkommen, dass jene, die auch gute Ideen haben und sich nicht getrauen, diese zu äußern, untergehen
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Laissez-faire

Die französische Redewendung Laissez-faire bedeutet sinngemäß »lass sie machen«. Als Leiter:in zieht man sich völlig aus dem Geschehen zurück oder greift zumindest nicht aktiv in dieses ein. Darum kann man im Prinzip auch nicht von einem Leitungsstil im klassischen Sinne sprechen. Das Ziel: Völlige Selbstorganisation der Beteiligten.

Vorteile:

  • Individuelle Stärken können ausgelebt werden
  • Jede:r kann sich selbst entfalten
  • Anfangs hohe Motivation

Nachteile:

  • Die Motivation nimmt mit der Zeit ab
  • Es wird nicht auf Erfolge und Misserfolge eingegangen, genauer gesagt diese werden nicht honoriert oder sanktioniert
  • In den Aktivitäten besteht die Gefahr, dass sich dominante Persönlichkeitstypen durchsetzen, während zurückhaltende Personen, die vielleicht sogar bessere Ideen entwickeln, untergehen
»Die gute Mischung aus verschiedenen Leitungsstilen macht’s!«

Wie aus verschiedenen Leitungsstilen ein Küchen-Moment und erfrischender Eistee-Moment werden kann

Es geht in den Trainings darum, eine gute Mischung zwischen den Leitungsstilen zu finden. Die drei Leitungsstile haben viel mit Nähe, Distanz oder sogar der Abwesenheit der Leitungsperson zu tun.

In der erlebnispädagogischen Ausbildung mussten wir uns im Modul über Führungs- und Leitungsstile in einem Dreieck zu einem der drei Leitungsstile positionieren. »Welcher Leitungsstil sagt dir am meisten zu?«, war dabei die Frage. Ich persönlich fühlte mich beim kooperativen Leitungsstil am wohlsten. Vielfach sind es Menschen, mit einem großen Harmoniebedürfnis, die sich diesem Stil verschreiben. In der Kooperation begibt man sich auf die Augenhöhe der anderen.

Doch ich war erstaunt als ein Ausbilder und eine Ausbilderin von mir sagten, dass sie diesen Leitungsstil im Training nie anwenden würden. Sie würden sich nur zwischen dem autoritären Leitungsstil und Laissez-faire bewegen.

Die Begründung war für mich einleuchtend: Während man als Leitungsperson, die nur autoritär agiert, sehr viel Distanz zu den Beteiligten aufbaut, ist man der Gruppe im kooperativen Leitungsstil sehr nah – vielleicht auch zu nah.

In der Kooperation kann eine Leitungsperson noch stark als Experte angesehen werden, die aktiv ins Geschehen eingreift und aktiv die Gruppe unterstützt. Dabei können Abhängigkeiten entstehen, welche die Beteiligten daran hindern, eigene Lösungen zu erarbeiten. Da man sich als Teil der Gruppe versteht und Entscheidungen nicht selbstständig, sondern in Zusammenarbeit mit der Gruppe trifft, können die Grenzen zwischen dir als Leiter:in und den Teilnehmer:innen verschwimmen und nicht mehr klar ersichtlich sein.

Im reinen Laissez-faire Leitungsstil würdest du dich jedoch dem Geschehen ganz entziehen und die Teilnehmer:innen sich selbst überlassen.

Wie könnte also eine gute Mischung im Training aussehen?

Du gibst die Rahmenbedingungen vor: der autoritäre Teil

Nehmen wir mal an, du planst ein kooperatives Game, in dem die Teilnehmer:innen verschiedene Fähigkeiten benötigen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Kooperatives Spiel: Lauf der Dinge, oder: Der Bau einer Kettenreaktion
Know-How für Eltern und Mentoren für bessere Beziehungen und unvergessliche Abenteuer.
Ein Beispiel eines kooperativen Spiels, in welchem man als Leiter:in viele Dinge beobachten kann.

Während du also die Aufgabenstellung und die Regeln bekannt gibst, bist du die Person, die das Sagen hat. Du nimmst den autoritären Leitungsstil ein. Du definierst den Rahmen, die Grenzen und bestimmte Regeln, die es zu befolgen gibt.

Die lässt Freiheiten und entziehst dich dem Prozess: der Laissez-faire Teil

Dieser Teil erforderte für mich erst Überwindung. Einfach mal loszulassen und nicht am eigentlichen Prozess aktiv teilzunehmen. Doch es bedeutet eben nicht, dass man in dieser Zeit keine Aufgabe wahrnehmen kann. In diesen Zeiten wurde ich zum Beobachter.

Klar es ist toll selbst Teil der Gruppe zu sein und aktiv mitzuwirken. Jedoch habe ich festgestellt, dass pädagogisch viel der größerer Nutzen entsteht, wenn man einfach mal machen lässt und beobachtet. Diese Beobachtungen können dann in die Reflexion und in den Transfer einfließen.

Als Beobachter benötigt man immer eine gewisse Distanz zur Gruppe, um möglichst viel wahrnehmen zu können. Dieser Teil ist nicht möglich, wenn man zu stark im Prozess involviert ist und daher immer nur ein Teil des Geschehens beobachtet. Versuche in diesem Teil möglichst viele Eindrücke zu sammeln und diese ggf. zu notieren.

Folgende Fragen können dir dabei helfen:

Wer nimmt im Gruppenprozess welche Rolle (Chef:in, Erfinder:in, Helfer:in, Beobachter:in, etc.) ein?
Wie geht die Gruppe an die Aufgabe ran? Achte auf das Forming, Storming, Norming, Performing. Wie läuft der Gruppenprozess ab?
Welche Probleme treten auf? Wie geht die Gruppe damit um?
Gibt es Konflikte? Wie sind sie entstanden?
Werden die Grenzen und Regeln respektiert? Hält sich die Gruppe dran? Werden Grenzen überschritten und Regeln gebrochen?

Du wertest zusammen mit der Gruppe aus: deine Rolle als Gesprächsführer:in

Früher haben wir vorwiegend im Team unsere Programme und Aktionen ausgewertet. Die Auswertung zusammen mit allen Beteiligten kommt in der Kinder- und Jugendarbeit immer noch etwas zu kurz. Und doch muss man sagen, dass erst durch eine Reflexion die Aktionen zu Erfahrungen werden können. In diesem Sinne kann man die Erlebnispädagogik auch als Erfahrungspädagogik bezeichnen. Ohne die Reflexion und den Transfer ins persönliche Leben haben die Aktionen nur einen geringen pädagogischen Nutzen. Um diesen zu erzeugen, ist die Reflexion da.

In diesem Prozess nimmst du die Rolle als Gesprächsführer:in ein. Es gibt viele verschiedene kreative Reflexionsmethoden. Also Reflexion muss nicht eine langweilige und trockene Übung sein, wo man eine Liste Punkt für Punkt abhandelt. Manche Teile können auch wortlos erfolgen, indem man sich positioniert, indem man sich im Kreis aufstellt und näher ins Zentrum geht, wenn eine Aussage besonders zutrifft oder weiter weg vom Zentrum geht, wenn es überhaupt nicht zutrifft. So sieht man schnell die erlebte Wahrnehmung innerhalb einer Gruppe und es lassen sich Rückfragen stellen: Was sind die Gründe, dass ihr näher im Zentrum steht? Warum steht ihr weiter weg?

Merke: Die Erfahrungen in einem Gruppenprozess können unterschiedlich ausfallen und jede:r kann eine Situation völlig anders wahrnehmen. Es ist daher wichtig, die Reflexion möglichst breit anzulegen, um möglichst viele dieser Erlebnisse zu berücksichtigen und sie zu einer Erfahrung werden zu lassen.

Wichtig: Du bringst deine Beobachtungen mit ein, die du dir gemerkt oder notiert hast. Achte jedoch darauf, dass die Teilnehmer:innen selbst Stellung beziehen dürfen. Gib keine Lösungen vor, wie du denkst, sie ein bestimmtes Problem angehen sollten. Frage nach, wie sie das in Zukunft handhaben wollen. Wenn Regeln überschritten werden, frage nach, ob die Regeln nicht verständlich waren oder was der Grund für das Überschreiten der Regeln war. Äußere auch deine Gefühle, wie du eine solche Situation erlebt hast.

Zusammenfassung

Die Küche gehört den Teilnehmer:innen. Sie müssen sich darin entfalten können. Verabschiede dich von dem Gedanken, dass alles so laufen muss, wie du es dir vorstellst. Der Lerneffekt ist mindestens so groß, wenn in einer Aktion Fehler gemacht werden und ein Ziel nicht erreicht wird. Vorausgesetzt, man wertet eine solche Situation gezielt mit den Teilnehmer:innen aus.

Der Eistee, der nicht auf einem bestimmten Rezept basiert, kann am Ende sogar besser und erfrischender schmecken. Es muss nicht einmal am Rezept liegen. Das Rezept muss auch nicht schlecht sein. Der Unterschied macht manchmal nur schon, dass man selbst etwas kreiert hat und man als Mensch wahrgenommen wird und etwas beitragen kann. Das lässt viel Potenzial entfalten.

Deshalb:

  1. Es ist wichtig als Leiter:in einen Rahmen zu schaffen in dem es gewisse Spielregeln aber auch Freiheiten gibt. Es muss nicht alles bis ins kleinste Detail geregelt sein. In diesem Teil bist du die Person, die den Ton angibt.
  2. In der Gruppenphase (Arbeitsprozess) versuchst du dich möglichst herauszuhalten. Abhängigkeiten werden so verringert. Die Teilnehmer:innen können sich entfalten und selbst kreativ werden.
  3. Du reflektierst das Erlebte zusammen mit deiner Gruppe und nicht einfach nur im Team. Damit ermöglichst du, dass aus den Erlebnissen Erfahrungen werden. Die Aktionen bekommen einen pädagogischen Nutzen.
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