Übersicht der »New Adults« Artikelserie
1. New Adults – irgendwo zwischen jugendlich und Erwachsensein
2. Identität zwischen Ich und Wir (Wie entsteht Identität? – Teil 1)
3. Identität zwischen Option und Entscheidung (Wie entsteht Identität? – Teil 2)
4. Identität zwischen Sein und Veränderung (Wie entsteht Identität? – Teil 3)
5. New Adults & die Gute Nachricht: Anknüpfungspunkte

»Wann sind wir endlich da?«

Eine Frage, die vermutlich nicht nur Mamas und Papas von den Rücksitzen ihrer Autos zu hören bekommen … Auch der eine oder andere New Adult wird sich ab und zu (mit einem tiefen Seufzen) fragen: Wann bin ich endlich da? Wann habe ich endlich genug gesucht und wann kann ich sagen: Ich bin da. Angekommen. Ich habe sie gefunden – meine Identität. Ich weiß, wer ich bin.
Und – geht das überhaupt? Lässt sich das mit der Identität überhaupt abschließend und ein für alle Mal klären?

Identität zwischen Sein und Veränderung

Identität beruht, so drückt es Erikson aus, auf zwei Beobachtungen: »der unmittelbaren Wahrnehmung der eigenen Gleichheit und Kontinuität in der Zeit, und der damit verbundenen Wahrnehmung, dass auch andere diese Gleichheit und Kontinuität erkennen«.[1] Sprich: Jemand nimmt sich in verschiedenen Situationen und über verschiedene Lebensphasen hinweg als dieselbe Person wahr. Und andere tun das auch. Man weiß, wer man ist. Und man lebt das auch.

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*Foto Samson Katt

Aber wie passen Worte wie »Gleichheit«, »Kontinuität« und »Ankommen« überhaupt in unsere Zeit? In eine sich ständig wandelnde Gesellschaft und in ein sich ständig wandelndes Leben? Denn seien wir mal ehrlich – egal wie alt du bist: Vermutlich wird nicht alles so bleiben, wie es ist. Wer weiß denn schon, ob du nicht in ein paar Jahren feststellst, dass du dich beruflich noch einmal umorientieren willst.

Würde das bedeuten, dass du deine Identität dann bis dato noch nicht gefunden hattest? Was ist, wenn Überzeugungen sich ändern, Beziehungen in die Brüche gehen, dein Arbeitsplatz wegrationalisiert wird, das Leben passiert? Wirft das uns und unsere Identität dann über den Haufen und wir fangen wieder von vorne an? Sind Sein und Veränderung zwei sich gegenseitig ausschließende Pole?

Identität ist nichts Starres. Und auch Erikson beschreibt Identität als etwas, das sich im Laufe des Lebens unmerklich an neue Ziele, Erfahrungen und Umstände anpasst.[2]

Die Frage ist daher: Was bedeutet es, inmitten von individuellen und gesellschaftlichen Veränderungen und inmitten einer sich ständig weiter entwickelnden Identität ein Gefühl von Gleichheit und Kontinuität, das heißt, ein Identitätsgefühl zu entwickeln und zu bewahren?

Der Schlüssel liegt in dem Wort »Kohärenz«. Das Wort stammt aus dem Lateinischen (cohaerentia) und bedeutet »Zusammenhang«. In Bezug auf das eigene Leben und die Identität des Menschen bedeutet es, den Zusammenhang zu verstehen. Den Zusammenhang zwischen der eigenen bisherigen Lebensgeschichte (d. h. der Vergangenheit), den aktuellen Herausforderungen und Möglichkeiten (d. h. der Gegenwart) sowie den Vorstellungen von der Zukunft. Es geht darum, eine sinnvolle Verbindung zwischen diesen drei Aspekten herzustellen, den roten Faden zu finden.[3]

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Foto Lamar Belina

Kohärenz kann sowohl Kontinuität als auch Veränderungen beinhalten. Und mehr noch: Auch Bruchstücke, Widersprüche und offene Faktoren können einen Platz bekommen – dann, wenn sie miteinander verknüpft werden, wenn der Sinn, der Zusammenhang, der rote Faden in all dem wahrgenommen wird.[4]

Es geht darum, eine sinnvolle Verbindung zwischen der erlebten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft herzustellen und den roten Faden darin zu finden.

Dieses Gefühl von Kohärenz, von Zusammenhang im eigenen Leben ist von zentraler Bedeutung für die Entwicklung der eigenen Identität.

Was es dazu braucht

Es braucht Geschichten.

Denn Kohärenz – so der Gedanke der sogenannten narrativen Theorie – wird über Geschichten konstruiert.[5]

»Erzählungen und Geschichten waren und bleiben die einzigartige menschliche Form, das eigene Erleben zu ordnen, zu bearbeiten und zu begreifen. Erst in einer Geschichte, in einer geordneten Sequenz von Ereignissen und deren Interpretation gewinnt das Chaos von Eindrücken und Erfahrungen, dem jeder Mensch täglich unterworfen ist, eine gewisse Struktur, vielleicht sogar einen Sinn.«[6] – Heiner Keupp

Der Ansatz der »narrative lifestories« von McAdams basiert auf dem Gedanken Eriksons, dass in der Entwicklung der Identität die Vergangenheit, die Gegenwart und auch die Zukunft ihren Platz bekommt.[7]

Die Geschichtenerzählerin bzw. der Geschichtenerzähler ist während des Erzählens darum bemüht, eine stimmige und sinnvolle Ordnung in die verschiedenen Szenen, Charaktere und Ereignisse des eigenen Lebens zu bringen sowie in mögliche Zukunftsvorstellungen und -perspektiven.[8] Denn wir wollen ja, dass unsere Geschichte einen Sinn ergibt – für uns und für andere. Oder mit anderen Worten: dass sie kohärent ist.

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Foto Tirachard Kumtanom

Und so erzählen wir unsere Identität. Wer wir sind, wie wir zu dem, wer wir sind, geworden sind und was wir denken, wohin der Weg uns noch führt.[9] Und mehr noch: Nicht nur dir schönen und einfachen Stellen bekommen ihren Platz. Auch biografische Einschnitte und Wendepunkte werden verarbeitet und als identitätsstiftende Ereignisse wahrgenommen und dargestellt.[10] Es geht auch darum zu verstehen, dass Krisen im eigenen Leben zu Veränderungen und damit zu einem Stück mehr Reife und Identität geführt haben.

Es geht »um einen Konstruktions- und Überarbeitungsprozess, der sich auf das gesamte Leben bezieht und eine kohärente Identität über die Zeit aktiv herstellt.«[11]

Unterm Strich

Identität kann gefunden werden. Und dennoch hört die Entwicklung der eigenen Identität nie auf; sie ist ein lebenslanger Prozess. Sein und Veränderung schließen sich nicht aus.

Die Herausforderung und Aufgabe von (nicht nur) New Adults ist es, die eigene Biografie, alles Gewordene und alles, was ist, in einen sinnvollen Zusammenhang bringen, den roten Faden im eigenen Leben zu finden – und ihn in die Zukunft weiterzuspinnen: Denn das Verstehen der Vergangenheit und der aktuellen Lebenswirklichkeit, das Entdecken von Sinn, Zusammenhang und Ordnung, das Einordnen-Können von Brüchen und Wendepunkten hilft auch, sich in die Zukunft zu orientieren.

Denn wenn man weiß wer man ist und wie man zu der Person, die man ist, geworden ist, dann weiß man auch eher, in welche Richtung man weitergehen kann, was schlüssig und passend ist – und was eben auch nicht.

Wie kann man New Adults auf ihrer Suche nach Identität unterstützen?

  • Frage nach und lass dir Geschichten erzählen! »Wie kam es dazu?« »Wie hast du dich gefühlt?« »Was hat dich dazu bewegt?« »Hast du dich dadurch verändert?« »Was hast du daraus für die Zukunft gelernt?« Hilf New Adults, sich und ihr Leben besser zu verstehen, Zusammenhänger zu erkennen und dadurch auch ein Stückweit sich selbst, die eigene Identität zu finden.
  • Biografiearbeit hilft, die eigene bisherige Geschichte wahrzunehmen, zu reflektieren und zu verstehen. Und sie hilft, eigene Vorstellungen, Hoffnungen und Ziele für die Zukunft zu entwickeln. Baue daher Aspekte der Biografiearbeit in deine Arbeit mit New Adults ein (einige Übungen dazu findest du in meinem Buch)! Um die Sache etwas einzugrenzen, kannst du dies auch in Bezug auf verschiedene Bereiche, z.B. Glaube, Beruf oder Beziehungen, tun.
  • Ermutige New Adults! Veränderung ist auch dann noch möglich, wenn Entscheidungen bereits getroffen wurden. Gute Geschichten leben schließlich von unverhofften Wendungen, von neuen Kapiteln und einem ordentlichen Spannungsbogen!

  1. Erikson, Erik H. (1973: 18): Identität und Lebenszyklus, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. ↩︎

  2. Vgl. Abels, Heinz (2017: 232): Identität, 3. Aufl., Wiesbaden: Springer VS. ↩︎

  3. Vgl. Abels, Heinz (2017: 232, 423): Identität, 3. Aufl., Wiesbaden: Springer VS. ↩︎

  4. Vgl. Keupp, Heiner; Ahbe, Thomas; Gmür, Wolfgang; Höfer, Renate; Mitzscherlich, Beate; Kraus, Wolfgang; Straus, Florian (2008: 57): Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne, 4. Aufl., Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag. ↩︎

  5. Vgl. Keupp, Heiner; Ahbe, Thomas; Gmür, Wolfgang; Höfer, Renate; Mitzscherlich, Beate; Kraus, Wolfgang; Straus, Florian (2008: 58): Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne, 4. Aufl., Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag. ↩︎

  6. Ernst 1996: 202; zit. nach Keupp, Heiner; Ahbe, Thomas; Gmür, Wolfgang; Höfer, Renate; Mitzscherlich, Beate; Kraus, Wolfgang; Straus, Florian (2008: 58): Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne, 4. Aufl., Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag. ↩︎

  7. Vgl. Seiffge-Krenke, Inge (2012: 35): Therapieziel Identität. Veränderte Beziehungen, Krankheitsbilder und Therapie, Stuttgart: Klett-Cotta. Und: McAdams, Dan P.; McLean, Kate (2013: 235): Narrative Identity. Current Directions in Psychological Science, Jg. 22 (3), S. 233-238; online unter: https://www.researchgate.net/publication/269603657_Narrative_Identity [23.02.22] ↩︎

  8. Vgl. Lapsley, Daniel; Hardy, Sam A. (2017: 23): Identity Formation and Moral Development in Emerging Adulthood, In: Padilla-Waller, Laura M.; Nelson, Larry J. (Hrsg.): Flourishing in Emerging Adulthood. Positive Development During the Third Decade of Life, Oxford: Oxford University Press, S. 14-39. ↩︎

  9. Vgl. McAdams, Dan P.; McLean, Kate (2013: 233): Narrative Identity. Current Directions in Psychological Science, Jg. 22 (3), S. 233-238; online unter: https://www.researchgate.net/publication/269603657_Narrative_Identity [23.02.22]. ↩︎

  10. Vgl. Seiffge-Krenke, Inge (2012: 38): Therapieziel Identität. Veränderte Beziehungen, Krankheitsbilder und Therapie, Stuttgart: Klett-Cotta. ↩︎

  11. Seiffge-Krenke, Inge (2012: 67): Therapieziel Identität. Veränderte Beziehungen, Krankheitsbilder und Therapie, Stuttgart: Klett-Cotta. ↩︎

💡
New Adults
Jeffrey J. Arnett spricht in seiner Theorie von »Emerging Adults« und meint damit die 18- bis 29-Jährigen. Diese meine ich auch, nur nenne ich sie »New Adults« – ein Begriff, den es im deutschsprachigen Raum bereits als Buchgenre für ebendiese Altersgruppe gibt.

Ich verwende bewusst den Begriff »New Adults«, um abzugrenzen von den vielen Rollenerwartungen, die sich hinter dem Begriff »Junge Erwachsene« verbergen (siehe hier).

Alter Begriff – alte Erwartungen. Neuer Begriff – neue Chancen!

Way to Go! Weil deine Identität entdeckt werden will

Judith Westerheide

Wohin geht's und wer wirst du unterwegs?

Fühlst du dich manchmal ein wenig lost inmitten all der Möglichkeiten und Entscheidungen?
Gibt es Meilensteine, die du längst erreicht haben wolltest?
Schritte, bei denen du nicht weißt, ob du sie gehen sollst und wohin sie führen?

Damit bist du nicht allein! Anders als noch vor einigen Jahrzehnten findet die Entwicklung der Identität inzwischen überwiegend in den Zwanzigern statt. Eine neue Lebensphase ist entstanden: die der New Adults (18-29 Jahre). Wie ist es dazu gekommen und was bedeutet das? Und wie kann man herausfinden, wer man ist und wie man sein Leben leben will?

Mit spannenden psychologischen Fakten, Aha-Momenten und Übungen zur Selbstreflexion will Way to go! dir helfen, weiterzukommen und anzukommen auf dem Weg zu deiner Identität.

Für New Adults und alle, die zwar selbst nicht mehr in diesem Alter sind, junge Menschen aber besser verstehen, sie anfeuern, fördern und begleiten möchten.

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