Sie sind unreif und unmündig, egoistisch und ziellos und können oder wollen nicht erwachsen werden.[1] So liest man es in so mancher Literatur, denn sie, die sogenannten Jungen Erwachsenen, erfüllen einfach nicht die Erwartungen, die an sie gestellt werden.

Aber was genau sind das für Erwartungen und woher kommen die eigentlich?

Erikson (1960er Jahre) war ein ziemlich bekannter Psychoanalytiker und einer seiner größten Verdienste besteht in seiner intensiven Auseinandersetzung mit der Phase der Adoleszenz und der Einführung des Begriffs der Identität.[2] Wer bin ich? Wer werde und wer will ich sein? sind die dazugehörigen Fragen[3] und sollten, so Erikson, bis zum Ende der Adoleszenz, d.h. bis ca. 18 beantwortet werden können.

Der Entwicklungspsychologe Havighurst (1970er Jahre) konkretisierte das mit der Identität und stellte Entwicklungsaufgaben vor, die Ausdruck ebendieser Identitätsentwicklung sind.[4] Dazu gehören zum Beispiel die Übernahme der eigenen Geschlechterrolle, die Akzeptanz des eigenen Körpers, die Loslösung von den Eltern, die Vorbereitung auf den Beruf, die Ehe und das Familienleben.[5] Sind alle Aufgaben abgehakt, ist die eigene Identität gefunden. Mit 18. Puh… das klingt für unsere Ohren und unsere Welt heute nach ziemlichem Stress und, nun ja, ein wenig unrealistisch. Aber es geht noch weiter. Denn hat man das alles erreicht, steht den Aufgaben des Jungen Erwachsenenalters nichts mehr im Wege. Dazu gehören u.a. die Partnerwahl, die Familiengründung, die Kindererziehung und das Führen eines Haushalts, der Berufseinstieg und die Sorge für das Gemeinwohl.[6]

Der Druck ist echt.

Zwar sind die Erwartungen an all die zu übernehmenden Rollen heute ein wenig offener und interpretationsfähiger geworden als noch vor einigen Jahrzehnten – aber sie bestehen grundsätzlich trotzdem weiter.[7] Und neue Erwartungen sind ja auch noch dazu gekommen: Man soll zusätzlich zu all dem auch noch flexibel und mobil bleiben, möglichst einzigartig sein, sich selbst finden, optimieren und darstellen.
Die Liste ist lang … Und die Verunsicherung unter New Adults aufgrund all dieser Erwartungen groß. Der empfundene Druck und das Stresslevel auch und nicht selten führt dies zu Gefühlen der Unfähigkeit und des Ungenügens.[8]

Das Dilemma ist:

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Die Lebensrealität der meisten New Adults entspricht nicht mehr der von Erikson und Havighurst definierten und der Gesellschaft erwarteten Normalbiografie: Schule abschließen, Ausbildung/Studium anfangen und beenden, Geld verdienen, heiraten, Familie gründen – alles ohne größere Lücken und Umwege, versteht sich. Das Leben läuft nur selten geradlinig und nach einem bestimmten Schema. »Normal« ist heute nicht nur eine Möglichkeit, nicht nur ein Weg, sondern viele und wenn du dir die New Adults in deiner Umgebung anschaust, wirst du vermutlich auch genau das feststellen.
Was diese ganzen Meilensteine, die sogenannten formalen Entwicklungsmarker betrifft, lässt sich daher unterm Strich eigentlich nur feststellen: Bei New Adults handelt es sich um eine sehr uneinheitliche Gruppe.[9] Eine Kategorisierung, die sich an Äußerlichkeiten, an Zahlen, Abschlüssen und Urkunden, an der Adresse und am Kontostand oder einer einzuhaltenden Reihenfolge festmacht, funktioniert ganz einfach nicht.
Die Zeiten haben sich geändert.

Zeit für eine neue Definition

Dieser Meinung war auch der amerikanische Entwicklungspsychologe Jeffrey J. Arnett. Er forschte innerhalb der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen, stellte fest, dass diese weder in die Schublade »jugendlich« noch »Junge Erwachsene« passen und suchte und entwickelte ein neues Konzept: eins, das nicht nur auf eine kleine Minderheit, sondern auf die große Mehrheit dieser Altersgruppe zutrifft.[10]
Anstatt auf äußerliche Meilensteine zu schauen, nahm er die psychologischen Faktoren von 18- bis 29-Jährigen in den Blick. Denn aufgrund veränderter gesellschaftlicher Bedingungen und der damit verbundenen Pluralisierung der verschiedenen Lebensformen von New Adults sind die formalen Marker, dieses Festmachen an bestimmten äußeren Ereignissen, einfach nicht mehr so gültig.[11]

Kern von Arnetts Theorie sind die folgenden fünf psychologischen Merkmale von New Adults:

  • Exploration der eigenen Identität
  • Hohes Maß an Instabilität
  • Starke Selbstfokussierung
  • Gefühl des Dazwischenseins
  • Zeit der Möglichkeiten

1. Exploration der eigenen Identität[12]

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Die Suche nach dem passenden Weg – das ist es, was New Adults ausmacht und beschreibt. Und während sie so unterwegs sind, während sie ihre Wege suchen und gehen, entwickeln sie ihre Identität: Sie finden heraus, wer sie sind, wohin sie unterwegs sind und was sie vom Leben wollen.
Was interessant ist: Erikson ordnete die Identitätsentwicklung dem Jugendalter zu. Heute jedoch, so sagen es nicht nur Arnett, sondern auch andere Entwicklungspsychologen, muss davon ausgegangen werden, dass die Entwicklung der eigenen Identität nicht mehr im Jugendalter abgeschlossen wird. Arnett geht aufgrund seiner Studien noch einen Schritt weiter: Er sagt nicht nur, dass die Identitätsentwicklung etwas länger braucht, sondern dass sie vom Schwerpunkt her in den Zwanzigern stattfindet. Die Exploration der eigenen Identität ist das Hauptmerkmal heutiger New Adults.

2. Hohes Maß an Instabilität[13]

In kaum einer anderen Lebensphase müssen in so kurzer Zeit so viele biografische Entscheidungen getroffen werden; innerhalb weniger Jahre ändern sich nahezu alle Aspekte des eigenen Lebens.[14] Die Exploration der eigenen Identität, so schlussfolgert auch Arnett und das leuchtet direkt ein, lässt diese Lebensphase daher nicht nur sehr voll und intensiv sein, sondern auch sehr instabil.
Ein hoher Entwicklungsdruck, ständiges Vergleichen, Zukunftsängste oder psychosozialer Stress – all das führt zu zahlreichen neuen Verletzlichkeiten bei New Adults bis hin zu psychischen Gesundheitsrisiken.[15]

3. Starke Selbstfokussierung[16]

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New Adults sind freie Menschen: frei von den Regeln der Ursprungsfamilie und frei von den Verpflichtungen, Forderungen und Verantwortungen, die so manche Erwachsenenrollen mit sich bringen.
Sie sind frei, sich um sich selbst zu kümmern und ihren Weg zu suchen und zu gehen. Und das tun sie auch. Deswegen gibt es keine andere Phase im Leben, die selbstfokussierter ist als ihre.
Das macht ja auch Sinn. Die vielen biografischen Entscheidungen, die zahlreichen Veränderungen, Erwartungen und Unsicherheiten führen unweigerlich dazu, dass der Blick auf sich selbst und das eigene Leben gerichtet wird. Ein starker Selbstbezug ist geradezu notwendig, um mit all diesen offenen und in sich spannenden Lebensanforderungen umgehen zu können.[17]
Daher ist eine gewisse Selbstfokussierung – nicht gleichzusetzen mit Egoismus! – für diese Phase, d. h. temporär und nicht auf ewig, gesund, normal und sogar notwendig, um die eigene Identität zu finden.

4. Gefühl des Dazwischenseins[18]

Ein New Adult befindet sich zwischen den Regeln und Verpflichtungen des eigenen Elternhauses und den Verantwortungen des Erwachsenlebens – und genau das ist auch sein Lebensgefühl: Er fühlt sich weder der Gruppe der Jugendlichen, noch der Gruppe der Erwachsenen zugehörig; er fühlt sich irgendwo dazwischen.
Der Grund dafür ist sehr simpel: Die Kriterien, mit denen ein New Adult das Erwachsenensein definiert, entwickeln sich schrittweise. Im Laufe der Zwanziger überwiegt daher zunächst das Gefühl von Sich-dazwischen-Fühlen. Und langsam, nach und nach, Schritt für Schritt wird es zu einem Sich-erwachsen-Fühlen.

5. Zeit der Möglichkeiten[19]

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New Adults befinden sich in einer Lebensphase, in der sie die vielen Möglichkeiten der Multioptionsgesellschaft besonders gut ausschöpfen können. Denn nur wenige Aspekte, die ihre Zukunft betreffen, sind schon definitiv festgelegt; in dieser Lebensphase stehen einem New Adult alle möglichen Zukünfte offen.
Besonders wichtig ist diese Perspektive für New Adults, die aus herausfordernden Herkunftsfamilien bzw. Umständen kommen. Bei denen bisher eben nicht alles so gelaufen ist, wie sie sich das vorgestellt haben. An diesem Punkt im Leben haben sie die Chance, darüber nachzudenken, was sie sich vom Leben wünscht, wie sie es leben und gestalten wollen. Und dann können sie ihre eigenen Entscheidungen treffen. Und zwar solche, die Veränderung bringen. Veränderungen in Richtung einer Zukunft, die es wert ist, in Angriff genommen und gelebt zu werden! Dies ist die Zeit der Möglichkeiten!

Unterm Strich

Die Zeiten haben sich geändert und damit auch die Entwicklung und die Merkmale von jungen Menschen in den Zwanzigern. Das, was noch vor wenigen Jahrzehnten junge Erwachsene kennzeichnete, trifft heute auf die Mehrheit von New Adults nicht mehr zu.
Mit Jeffrey J. Arnett und seiner Theorie „Emerging Adulthood“ plädiere ich daher dafür, diese Altersgruppe neu zu definieren. Denn dann würde einer Lebensphase, in der grundlegende Weichen für das weitere Leben gestellt werden und in der nichts Minderes geschieht, als die Entwicklung der eigenen Identität, endlich die Beachtung zukommen, die ihr zusteht.
Denn werden New Adults anerkannt als junge Menschen, die sich – da nicht mehr jugendlich, aber auch noch nicht erwachsen – „dazwischen fühlen“, die ihre Identität entwickeln, die deswegen und für diese Phase selbstfokussiert sind, auch instabil, aber dennoch optimistisch und mit einem Gefühl von „alles ist möglich“ in die Zukunft schauen, würde manches, was defizitär betrachtet wird, „normal“ sein, Stigmatisierungen würden wegfallen und – jetzt kommt das Wichtigste – neue Möglichkeiten für die Bewältigung dieser in einer veränderten Gesellschaft entstandenen neuen Anforderungen würden gesucht und gefunden werden.


  1. Vgl. Hurrelmann, Klaus; Quenzel, Gudrun (2016: 47): Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung, 13. Aufl., Weinheim - Basel: Beltz Juventa. Und: Nelson, Larry J. (2017: xii): Series Forword, In: Padilla-Waller, Laura M.; Nelson, Larry J. (Hrsg.): Flourishing in Emerging Adulthood. Positive Development During the Third Decade of Life, Oxford: Oxford University Press, S. xi-xiii. ↩︎

  2. Vgl. u.a. Faltermaier, Toni; Mayring, Philipp; Saup, Winfried; Strehmel, Petra (2014: 55 f., 60): Entwicklungspsychologie des Erwachsenenalters, 3. Aufl., Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH. ↩︎

  3. Vgl. Seiffge-Krenke, Inge (2012: 24): Therapieziel Identität. Veränderte Beziehungen, Krankheits-bilder und Therapie, Stuttgart: Klett-Cotta. ↩︎

  4. Vgl. Seiffge-Krenke 2009, zit. nach Hurrelmann, Klaus; Quenzel, Gudrun (2016: 36): Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung, 13. Aufl., Weinheim - Basel: Beltz Juventa. ↩︎

  5. Vgl. Rothgang, Georg-Wilhelm; Bach, Johannes (2015: 100): Entwicklungspsychologie, 3. Aufl., Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH. Und: Lohaus, Arnold; Vierhaus, Marc (2015: 253): Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters für Bachelor, 3. Aufl., Berlin - Heidelberg: Springer. ↩︎

  6. Vgl. Rothgang, Georg-Wilhelm; Bach, Johannes (2015: 100): Entwicklungspsychologie, 3. Aufl., Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH. Und: Lang, Frieder R.; Martin, Mike; Pinquart, Martin (2012: 34): Entwicklungspsychologie - Erwachsenenalter, Göttingen - Bern - Wien - Paris - Oxford - Prag - Toronto - Cambridge, MA - Amsterdam - Kopenhagen - Stockholm: Hogrefe Verlag. ↩︎

  7. Vgl. Hurrelmann, Klaus; Quenzel, Gudrun (2016: 25): Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung, 13. Aufl., Weinheim - Basel: Beltz Juventa. ↩︎

  8. Vgl. Keller, Birgit Ulrika (2019: 69, 351): »Emerging Adulthood« - Eine Lebensphase zwischen Instabilität und maximaler Freiheit, Weinheim - Basel: Beltz Juventa. ↩︎

  9. Vgl. Keller, Birgit Ulrika (2019: 74): »Emerging Adulthood« - Eine Lebensphase zwischen Instabilität und maximaler Freiheit, Weinheim - Basel: Beltz Juventa. ↩︎

  10. Vgl. Arnett, Jeffrey Jensen (2015: viii): Emerging Adulthood. The winding road from the late teens through the twenties, 2. Aufl., New York: Oxford university press. (Übersetzung durch Autorin) ↩︎

  11. Vgl. Keller, Birgit Ulrika (2019: 59, 61): »Emerging Adulthood« - Eine Lebensphase zwischen Instabilität und maximaler Freiheit, Weinheim - Basel: Beltz Juventa. ↩︎

  12. Vgl. Arnett, Jeffrey Jensen (2015: 8-11): Emerging Adulthood. The winding road from the late teens through the twenties, 2. Aufl., New York: Oxford university press. ↩︎

  13. Vgl. Arnett, Jeffrey Jensen (2015: 11-13): Emerging Adulthood. The winding road from the late teens through the twenties, 2. Aufl., New York: Oxford university press. ↩︎

  14. Vgl. Keller, Birgit Ulrika (2019: 30): »Emerging Adulthood« - Eine Lebensphase zwischen Instabilität und maximaler Freiheit, Weinheim - Basel: Beltz Juventa. ↩︎

  15. Vgl. Keller, Birgit Ulrika (2019: 23 f., 32, 69, 146): »Emerging Adulthood« - Eine Lebensphase zwischen Instabilität und maximaler Freiheit, Weinheim - Basel: Beltz Juventa. ↩︎

  16. Vgl. Arnett, Jeffrey Jensen (2015: 13 f.): Emerging Adulthood. The winding road from the late teens through the twenties, 2. Aufl., New York: Oxford university press. ↩︎

  17. Vgl. Hurrelmann, Klaus; Quenzel, Gudrun (2016: 49): Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung, 13. Aufl., Weinheim - Basel: Beltz Juventa. ↩︎

  18. Vgl. Arnett, Jeffrey Jensen (2015: 14 f., 17): Emerging Adulthood. The winding road from the late teens through the twenties, 2. Aufl., New York: Oxford university press. ↩︎

  19. Vgl. Arnett, Jeffrey Jensen (2015: 15-17): Emerging Adulthood. The winding road from the late teens through the twenties, 2. Aufl., New York: Oxford university press. ↩︎

💡
New Adults
Jeffrey J. Arnett spricht in seiner Theorie von »Emerging Adults« und meint damit die 18- bis 29-Jährigen. Diese meine ich auch, nur nenne ich sie »New Adults« – ein Begriff, den es im deutschsprachigen Raum bereits als Buchgenre für ebendiese Altersgruppe gibt.

Ich verwende bewusst den Begriff »New Adults«, um abzugrenzen von den vielen Rollenerwartungen, die sich hinter dem Begriff »Junge Erwachsene« verbergen (siehe oben).

Alter Begriff – alte Erwartungen. Neuer Begriff – neue Chancen!

Way to Go! Weil deine Identität entdeckt werden will

Judith Westerheide

Wohin geht's und wer wirst du unterwegs?

Fühlst du dich manchmal ein wenig lost inmitten all der Möglichkeiten und Entscheidungen?
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Damit bist du nicht allein! Anders als noch vor einigen Jahrzehnten findet die Entwicklung der Identität inzwischen überwiegend in den Zwanzigern statt. Eine neue Lebensphase ist entstanden: die der New Adults (18-29 Jahre). Wie ist es dazu gekommen und was bedeutet das? Und wie kann man herausfinden, wer man ist und wie man sein Leben leben will?

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