Übersicht der »New Adults« Artikelserie
1. New Adults – irgendwo zwischen jugendlich und Erwachsensein
2. Identität zwischen Ich und Wir (Wie entsteht Identität? – Teil 1)
3. Identität zwischen Option und Entscheidung (Wie entsteht Identität? – Teil 2)
4. Identität zwischen Sein und Veränderung (Wie entsteht Identität? – Teil 3)
5. New Adults & die Gute Nachricht: Anknüpfungspunkte

»Wir leben in einer Welt mit endlosen Möglichkeiten. Endlosen Studiengängen. Endlosen YouTube-Videos. Endlosen Datematches. Und in jedem Moment, in dem wir uns aktiv für etwas entscheiden, entscheiden wir uns automatisch auch gegen unendlich viele andere Möglichkeiten. Das Ganze geht so weit, dass wir sogar Angst davor haben, Entscheidungen zu treffen. […] I hate decisions.«[1] – Valentina Vapaux

So drückt es die Influencerin Valentina Vapaux in ihrem Buch über die Generation Z aus und bringt damit das Dilemma heutiger New Adults auf den Punkt.

Identität zwischen Option und Entscheidung

Für die Entwicklung der eigenen Identität braucht es beides, so arbeitete es der Psychologe James E. Marcia heraus: Die Option und die Entscheidung. Beides gehört zusammen:

  • Die Exploration – das ist laut Marcia die Erkundung eines bestimmten Lebensbereiches mit dem Ziel einer besseren Orientierung und Entscheidungsfindung –
  • und die Festlegung bzw. die Verpflichtung – damit ist das Engagement und die Bindung in ebendiesem Lebensbereich gemeint.[2]

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Foto Andrea Piacquadio

Um es mal ein bisschen einfacher auszudrücken:

Ein New Adult muss sich mit seinen Optionen auseinandersetzen und diese explorieren. Und er muss sich auf eine von ihnen festlegen, d.h. eine Entscheidung treffen. Nur wenn beides passiert, kann Identität gefunden werden. Nur dann kann ein New Adults zu dem Schluss kommen: Inmitten dieser Welt voller Möglichkeiten: Das bin ich!

Was es dazu braucht

Das mit den Optionen ist in unserer Welt ja eigentlich kein Problem. Unsere Multioptionsgesellschaft bietet uns mehr Optionen, als uns lieb ist und nicht selten sind New Adults, wie es auch das Zitat am Anfang deutlich macht, damit heillos überfordert.
Deswegen gehe ich an dieser Stelle darauf ein, was es braucht, um mit den Optionen auf eine gute Art und Weise umgehen zu können:

1. Es braucht ein Ziel vor Augen.
Neuere Forschungen haben festgestellt, dass es zwei Arten gibt, um mit den uns zur Verfügung stehenden Optionen umzugehen: die zielgerichtete und die ruminative Exploration.

Die zielgerichtete Exploration ist Ausdruck einer natürlichen, nach vorne gerichteten und prozesshaften Suchbewegung.[3] Man exploriert, d.h. sichtet und erkundet seine Optionen. Und man hat ein Ziel, nämlich: irgendwann eine Entscheidung zu treffen, sich irgendwann auf eine der vielen Optionen festzulegen, irgendwann anzukommen.

Die ruminative, d.h. grübelnde Exploration ist hingegen mit einem Auf-der-Stelle-Treten zu vergleichen. Der Mensch exploriert, findet aber keine oder zumindest keine zufriedenstellende Antwort auf seine Identitätsfragen.[4]

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Foto Andrea Piacquadio

Das interessante dabei ist: Diejenigen, die ein Ziel vor Augen haben, gehen offen und neugierig mit ihren Optionen um, sie sind positiv und haben auch einfach Spaß dabei. Die ruminative Exploration hingegen geht mit ängstlichen und depressiven Symptomen einher.[5]

So manch ein New Adult ist wie gefangen in einer nie enden wollenden, ruminativen Exploration, die charakterisiert ist durch Wiederholungen und Passivität, was schlussendlich zu einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und des Kontrollverlustes führt.[6]

Letzteres, die ruminative Exploration, nimmt unter New Adults zu.[7]

Ein guter Umgang mit den vielen Optionen ist also eine Exploration, die zielgerichtet, nach vorne gerichtet ist. Die der Orientierung und Entscheidungsfindung dient und damit auch das schlussendliche Ziel hat, ein Commitment einzugehen, sich für eine bestimmte Option zu entscheiden, sich auf einen bestimmten Identitätsentwurf festzulegen.[8]

Explorieren ist nicht gleich explorieren.
Es kommt auf die Perspektive an. Darauf, ob jemand eine hat.

2. Es braucht Entscheidungen.
Mit Punkt 1 kommt auch Punkt 2: Um mit den Optionen auf eine gute Art und Weise umgehen zu können, braucht es das Ziel, nach einer gewissen Zeit des Explorierens auch eine Entscheidung treffen zu wollen.

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Foto SHVETS production

Eine Entscheidung zu treffen ist herausfordernd bis hin zu dem anfangs erwähnten I hate decisions!

Denn ein »Ja« zu einer Sache, bedeutet schließlich auch ein »Nein« zu vielen anderen Optionen. Die Angst, was zu verpassen, ist real. Aber – und diesen Punkt gilt es hervorzuheben:

Mit einem »Ja«, mit dem Treffen einer Entscheidung gewinnt man auch so viel: Mit jeder Entscheidung, die das eigene Leben, das eigene Sein und Werden betrifft, findet man ein Stückchen Identität.

Das Treffen einer Entscheidung ist nicht in erster Linie der teilweise gefühlte Verlust – sondern der Ausweg aus dem Dilemma. Es ist der Weg zur eigenen Identität.

Unterm Strich

Für das Finden von Identität braucht es beides: Es braucht Optionen – verschiedene Wege, die man gehen kann. Und es braucht Entscheidungen – tatsächlichen Schritte in eine ganz bestimmte Richtung.

Die Herausforderung für New Adults auf ihrer Suche nach Identität ist es also, die Möglichkeiten zu sichten, sich mit verschiedenen Meinungen auseinanderzusetzen und Alternativen zu testen UND sich dann festzulegen, eine Entscheidung zu treffen und sich mit einer dieser Optionen zu identifizieren.

Wenn das passiert, entsteht Identität.

Wie kann man New Adults auf ihrer Suche nach Identität unterstützen?

  • Explorieren lässt es sich am besten von einem Ort der Sicherheit aus. Du kannst Angebote schaffen, die wie so eine Art »safe haven« für New Adults sind, z.B. deine Jugendgruppe oder Hauskreise. New Adults brauchen Beziehungen, in denen sie sich sicher fühlen.
  • Mach die Frage »Wie treffe ich Entscheidungen?« zum Thema! Komm mit New Adults darüber ins Gespräch und findet Antworten. Wichtig: Es müssen nicht alle Lebensbereiche gleichzeitig exploriert und alle Entscheidungen gleichzeitig getroffen werden.
  • In Mentoring und anderen Gesprächsangeboten kannst du New Adults helfen, raus aus der ruminativen Exploration zu kommen: eine Perspektive zu entwickeln und Schritte zu gehen.

  1. Vapaux, Valentina (2021: 12): Generation Z. Zwischen Selbstverwirklichung, Insta-Einsamkeit und der Hoffnung auf eine bessere Welt, München; Gräfe und Unzer Verlag. ↩︎

  2. Vgl. Marcia 1980; zit. nach: Oerter, Rolf; Dreher, Eva (1998: 351 f.): Jugendalter. In: Oerter, Rolf; Montada, Leo (Hrsg.): Entwicklungspsychologie, 4. Aufl. (Erstauflage 1982), Weinheim: Beltz Psychologie Verlags Union, S. 310-395. ↩︎

  3. Vgl. Luyckx, Koen; Schwartz, Setz J.; Berzonsky, Michael D.; Soenens, Bart; Vansteenkiste, Maarten; Smits, Ilse; Goosens, Luc (2008: 61): Capturing ruminative exploration: Extending the four-dimensional model of identity formation in late adolescence. Journal of Research in Personality, Jg. 42 (1), S. 58-82; online unter: https://www.researchgate.net/publication/222419114_Capturing_Ruminative_Exploration_Extending_the_Four-Dimensional_Model_of_Identity_Formation_in_Late_Adolescence [09.02.22]. Und: Seiffge-Krenke, Inge (2012: 28): Therapieziel Identität. Veränderte Beziehungen, Krankheitsbilder und Therapie, Stuttgart: Klett-Cotta. ↩︎

  4. Vgl. Seiffge-Krenke, Inge (2012: 28): Therapieziel Identität. Veränderte Beziehungen, Krankheitsbilder und Therapie, Stuttgart: Klett-Cotta. ↩︎

  5. Vgl. Seiffge-Krenke, Inge (2015: 501): Identität und Beziehungen. Herausforderungen für die Versorgung. Deutsches Ärzteblatt PP, Jg. 13 (11), S. 500-503. ↩︎

  6. Vgl. Luyckx, Koen; Schwartz, Setz J.; Berzonsky, Michael D.; Soenens, Bart; Vansteenkiste, Maarten; Smits, Ilse; Goosens, Luc (2008: 60 f.): Capturing ruminative exploration: Extending the four-dimensional model of identity formation in late adolescence. Journal of Research in Personality, Jg. 42 (1), S. 58-82; online unter: https://www.researchgate.net/publication/222419114_Capturing_Ruminative_Exploration_Extending_the_Four-Dimensional_Model_of_Identity_Formation_in_Late_Adolescence [09.02.22]. ↩︎

  7. Vgl. Seiffge-Krenke, Inge (2015: 501): Identität und Beziehungen. Herausforderungen für die Versorgung. Deutsches Ärzteblatt PP, Jg. 13 (11), S. 500-503. Und: Keller, Birgit Ulrika (2019: 54): „Emerging Adulthood“ - Eine Lebensphase zwischen Instabilität und maximaler Freiheit, Weinheim - Basel: Beltz Juventa. ↩︎

  8. Vgl. Marcia 19080; zit. nach Oerter, Rolf; Dreher, Eva (1998: 35): Jugendalter. In: Oerter, Rolf; Montada, Leo (Hrsg.): Entwicklungspsychologie, 4. Aufl. (Erstauflage 1982), Weinheim: Beltz Psychologie Verlags Union, S. 310-395. ↩︎

💡
New Adults
Jeffrey J. Arnett spricht in seiner Theorie von »Emerging Adults« und meint damit die 18- bis 29-Jährigen. Diese meine ich auch, nur nenne ich sie »New Adults« – ein Begriff, den es im deutschsprachigen Raum bereits als Buchgenre für ebendiese Altersgruppe gibt.

Ich verwende bewusst den Begriff »New Adults«, um abzugrenzen von den vielen Rollenerwartungen, die sich hinter dem Begriff »Junge Erwachsene« verbergen (siehe hier).

Alter Begriff – alte Erwartungen. Neuer Begriff – neue Chancen!

Way to Go! Weil deine Identität entdeckt werden will

Judith Westerheide

Wohin geht's und wer wirst du unterwegs?

Fühlst du dich manchmal ein wenig lost inmitten all der Möglichkeiten und Entscheidungen?
Gibt es Meilensteine, die du längst erreicht haben wolltest?
Schritte, bei denen du nicht weißt, ob du sie gehen sollst und wohin sie führen?

Damit bist du nicht allein! Anders als noch vor einigen Jahrzehnten findet die Entwicklung der Identität inzwischen überwiegend in den Zwanzigern statt. Eine neue Lebensphase ist entstanden: die der New Adults (18-29 Jahre). Wie ist es dazu gekommen und was bedeutet das? Und wie kann man herausfinden, wer man ist und wie man sein Leben leben will?

Mit spannenden psychologischen Fakten, Aha-Momenten und Übungen zur Selbstreflexion will Way to go! dir helfen, weiterzukommen und anzukommen auf dem Weg zu deiner Identität.

Für New Adults und alle, die zwar selbst nicht mehr in diesem Alter sind, junge Menschen aber besser verstehen, sie anfeuern, fördern und begleiten möchten.

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